Der Beitrag beschreibt den Wandel digitaler Doppelgänger von Führungskräften hin zu sogenannten Co-Brains. Dabei werden Wissen, Erfahrung und Entscheidungslogik einer Person in einer KI-basierten Wissensbasis abgebildet. Mitarbeitende können auf dieses Wissen zugreifen, Fragen stellen und KI-Agenten mit Aufgaben beauftragen. Vorgestellt werden Personal Co-Brains, allgemeine Co-Brains und Corporate Brains als organisationsweite Wissensplattformen. Zudem erläutert der Beitrag Trainingsmethoden, den Einsatz von Chat-, Voice- und Avatar-Funktionen sowie die Bedeutung von Datensouveränität, Datenschutz, DSGVO-Konformität und rollenbasierten Zugriffsrechten für Unternehmen in Europa.
Zuckerberg (CEO Meta) tut es. Siemiatkowski (CEO Klarna) tut es. Und auch Khosrowshahi (CEO Uber) tut es. Sie alle lassen mithilfe von künstlicher Intelligenz digitale Doppelgänger von sich erstellen. Mitarbeitende oder auch Kund/innen sollen künftig mit den Doppelgängern von Mark, Sebastian und Dara chatten können. Diese CEOs stellen damit einen neuen, interaktiven Kommunikationskanal zur Verfügung. Das deutsche Start-up Aiconiq.io geht noch einen Schritt weiter. Denn wenn das Wissen eines CEOs oder eines Experten in ein Co-Brain überführt wird, kann es nicht nur als Chat-, Sparringspartner oder Mentor dienen – es lässt sich auch als Wissensbasis für agentische KI-Systeme nutzen. Auf diese Weise können die eigenen KI-Agenten kontextbezogene Aufgaben im Stil des CEO durchführen, konsistent, skalierbar und ganz in dessen Sinn.
Was kann ein CEO Co-Brain?
Ein Co-Brain ist die digitale, KI-basierte Version einer realen Person in einem Unternehmen. Das Co-Brain kann jeder dazu berechtigten Person – von Führungskräften bis zu Praktikanten – ihrer Rolle entsprechend zu bestimmten Bereichen Fragen beantworten, Ratschläge geben oder Einsichten vermitteln. Das Co-Brain ist aber – anders als der CEO – beliebig skalierbar und kann parallel tausende von Fragen gleichzeitig beantworten. Und das rund um die Uhr, von jedem Ort aus, in jeder beliebigen Sprache.
Das Co-Brain kann bei Bedarf auch selbst Fragen stellen, um mehr über Hintergründe zu erfahren. Wird das Co-Brain mit sehr persönlichem Material des CEO trainiert – etwa mit Ansprachen, Blogbeiträgen, Interviews oder Vorträgen –, kann es auch den Kommunikationsstil und die Argumentationsweise der Person übernehmen. Die Eingabe von Fragen oder Aufgaben darf dabei durchaus multimodal erfolgen, also über Schrift, Sprache oder Grafik.
Darüber hinaus können KI-Agenten auf der Wissensbasis des Co-Brains auch komplexe Aufgaben durchführen. Je nachdem, welche Berechtigung oder Rolle eine Person hat, werden beispielsweise Analysen durchgeführt, Maßnahmen geplant oder auch Texte verfasst. Das Co-Brain agiert dabei als die KI-Version der Person, die es digital abbildet.
Ausprägungen von Co-Brains
- Ein Personal Co-Brain ist ein KI-gestütztes Wissens- und Entscheidungsmodell, das auf die Arbeitsweise, die Denklogik, das Wissen und die Erfahrung einer einzelnen Person zurückgreift. Es unterstützt nur genau diese Person bei Entscheidungen, Kommunikation, Priorisierung und fungiert als persönlicher kognitiver Verstärker. Auch kann nur diese Personen agentische Anfragen an das eigene Co-Brain beauftragen.
- Ein allgemeines Co-Brain ist dagegen ein kollaboratives KI-System, das Mitarbeitenden als intelligenter Ansprechpartner für Wissen, Prozesse und operative Fragen dient. Das Co-Brain kann – muss aber nicht – auf einer einzelnen Persönlichkeit mit leitender Rolle in der Organisation basieren. Auch Mitarbeitende haben hier die Möglichkeit, KI-Agenten zu beauftragen, die auf das Wissen in diesem Co-Brain zugreifen.
- Ein Corporate Brain ist die zentrale, unternehmensspezifische Wissensbasis einer Organisation, in der Prozesse, Erfahrungen, Entscheidungslogiken und Fachwissen aller relevanten Mitarbeitenden zusammengeführt werden. Das Corporate Brain erweitert die Idee des individuellen Co-Brains auf die gesamte Organisation. KI-Agenten, die auf solch ein Corporate Brain zugreifen, können komplexe Aufgaben mit dem gesammelten Wissen und im Sinne des Unternehmens erledigen.
Wie wird ein Co-Brain trainiert?
Das Co-Brain wird mit vorhandenen Inhalten in Form von Text, Bild, Audio oder Video einer bestimmten Person trainiert: interne oder öffentliche Auftritte, Bücher, Fachartikel, Blogbeiträge. Doch 80 Prozent des Wissens eines CEOs liegt meist nicht in Dokumenten vor. Es existiert vielmehr als implizites Wissen, als Tacit Knowledge, in der Kommunikation mit anderen und im Kopf der Person. Deshalb ist auch die Kommunikation dieser Person in Form von Mails, Chatnachrichten, aufgezeichneten Telefonaten, transkribierten Meetings und Konversationen etc. sehr wichtig. Um auch das Expertenwissen, Erfahrungswerte und Soft Skills in das Co-Brain zu integrieren, werden KI-gelenkte Interviews mit dem CEO durchgeführt – wissenschaftlich fundiert und dynamisch generiert.
Darüber hinaus lässt sich auch spezifisches externes Expertenwissen aus kuratierten Wissensbeständen der Organisation integrieren, beispielsweise aus Datenbanken, Studien oder Research.
Chat, Voice oder Avatar
Je nachdem, wie das Co-Brain trainiert wurde, kann es Fragen schriftlich beantworten – oder die Antworten lassen sich auch mit einer neutralen Stimme vorlesen. Wird das Co-Brain mit echten Audio- und Videodateien des CEOs trainiert, kann es sogar mit der geklonten Stimme dieser Person sprechen. Dann wird es möglich, das Co-Brain Voice virtuell anzurufen, Fragen mündlich zu stellen und gesprochene Antworten zu erhalten.
Der Avatar ist die visuelle Weiterentwicklung des Co-Brains. Es stellt diese Person als Bewegtbild oder als fotorealistischer 3D-Charakter dar, mit der Gestik und Mimik der realen Person. Solch ein Co-Brain Avatar kann dann auch Videoanrufe entgegennehmen. So entsteht eine Avatar-Kommunikation tatsächlich in Echtzeit – und nicht als vorproduzierte oder vorgerenderte Konserve.
Hohe Sicherheitsanforderungen
Wenn so viel internes und auch persönliches Wissen einer Person vorliegt, muss sichergestellt sein, dass das Co-Brain zum einen nur über einen strikt personen- oder rollen-basierten Zugriff genutzt werden kann. Und dass darüber hinaus stets die Datensouveränität für die Organisation gewährleistet ist.
Große US-amerikanischen Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT, Claude oder Gemini bieten Unternehmen ebenfalls die Möglichkeit, Wissen bis zu einem gewissen Grad zu individualisieren, etwa als Custom GPT und dann über KI-Agenten darauf zurückzugreifen. Diese KI-Agenten zu nutzen, bedeutet aber, sich von Ansprüchen an Datensouveränität, Sicherheit und Vertraulichkeit zu verabschieden. Denn die KI-Agenten eines US-LLMs zu verwenden, heißt, dabei in einer Public Cloud unter US-Kontrolle zu agieren – mit allen damit verbundenen Risiken für die Sicherheit der eigenen Daten. Es ist kein Zufall, dass die EU-Kommission mit ihrem EU Cloud Sovereignty Framework im vergangenen Jahr eine deutliche Antwort auf die berechtigten Sicherheitsbedenken angesichts des US CLOUD Act und von Trump 2.0 gegeben hat. Auch erfüllen die internationalen Lösungen für Agentic AI so gut wie nie die Vorgaben der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) – dieser EU-Verordnung müssen Unternehmen in Deutschland und Europa aber zwingend entsprechen.
Beim Frankfurter Start-up Aiconiq.io behalten Unternehmen stets die volle Datensouveränität, weil die notwendigen KI-Modelle auf deutschen oder europäischen Servern gehostet werden. Auf Wunsch können Unternehmen ihre individuelle KI-Wissensbasis sogar selbst hosten, on premises und mit maximaler Kontrolle. Darüber hinaus ist jede Kommunikation End-to-End-Verschlüsselt.
Rollen- oder personen-basierte Zugriffsrechte sind weitere Sicherheitsfeature. Während die Kommunikationsabteilung beispielsweise Zugang zum CEO Co-Brain erhält, um Reden und Pressetexte in seinem Stil zu schreiben, kann eine Fachabteilung beispielsweise Marktstrategien auf dieser Wissensbasis entwickeln.

Fazit: Kein Spielzeug, sondern Produktivitätssteigerung durch Agentic AI
Den wichtigen Schritt vom interaktiven Spielzeug hin zu echter Produktivitätssteigerung vollzieht ein digitaler Doppelgänger erst durch den Einsatz von Agentic AI. Und besonders wirkungsvoll und produktiv werden KI-Agenten erst dann, wenn sie nicht auf dem generalistischen Wissen der großen Large Language Models fußen, sondern auf das so wichtige individuelle Know-how – auch das implizite – einer konkreten Person oder eines konkreten Unternehmens zugreifen. Denn erst wenn sich die Intelligenz der KI aus dem Co-Brain einer Führungsperson oder aus dem Corporate Brain einer Organisation speist, kann die KI wirklich auf die beste und sinnvollste Weise für das Unternehmen handeln.
Interview Prof. Dr. Peter Gentsch, CEO Aiconiq.io
Gabriele Horcher: «Herr Prof. Dr. Gentsch, warum ist die Umsetzung eines CEO Co-Brains für Unternehmen so spannend?»
Peter Gentsch: «Über ein CEO Co-Brain entsteht eine Executive AI, die als Sparringspartner für das Management strategische Entscheidungen vorbereitet, simuliert und in Echtzeit weiterentwickelt. Aus einem reinen Datenmodell wird eine aktive Entscheidungsinstanz, aus klassischem Reporting entsteht operative Steuerung, und aus einem isolierten Tool entwickelt sich ein organisationales Denksystem. Unser Co-Brain kann die Vorbereitungszeit für strategische Entscheidungen um 30 bis 60 Prozent reduzieren und hunderte Stunden Führungszeit pro Jahr einsparen. Ein weiterer entscheidender Vorteil liegt in der Konsistenz: Entscheidungslogiken werden über Teams und Organisationen hinweg vereinheitlicht. Durch solch ein Co-Brain entsteht eine neue Qualität von Führung, die erstmals systemisch skalierbar ist. KI unterstützt dabei nicht mehr nur Entscheidungen, sondern wird selbst zu einem integralen Bestandteil der Entscheidungsstruktur.»
