Nach dem Scheitern der eigenen halbherzigen KI-Anstrengungen setzen die iPhone-Bauer auf die geballte Gemini-Power von Google. Durch die Zusammenarbeit dürften beide Konzerne massiv an Wert, Qualität und Reichweite gewinnen.
Es war absehbar: Auch die ehrenwerte Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) konnte sich dem unwiderstehlichen Sog des KI-Mahlstroms nicht mehr entziehen und sah sich deshalb veranlasst, «KI-Ära» zum Wort des Jahres 2025 zu erklären. Die Tatsache, dass das Wort nicht wirklich ein Wort, sondern ein eher biederes Bindestrich-Konstrukt ist, konnte die Hüter deutscher Sprachgüter nicht von ihrem Entscheid abhalten. «Die Künstliche Intelligenz ist aus dem Elfenbeinturm der wissenschaftlichen Forschung herausgetreten und hat die Mitte der Gesellschaft erreicht», lässt sich die GfdS fortschrittsbewusst zitieren. Der wachsende Einfluss von künstlicher Intelligenz stehe für einen «epochalen Wandel, vergleichbar mit der industriellen Revolution».
«Eine Kraft, im Guten wie im Schlechten»
Immerhin etwas weniger bombastisch beurteilte das US-amerikanische «Time Magazine», das die KI und ihre dem Heft zufolge wichtigsten Architekten derselben zur «Person des Jahres 2025» kürte, das Phänomen. «Wir würdigen eine Kraft, die die Schlagzeilen des Jahres beherrscht hat, im Guten wie im Schlechten», begründete das Magazin, das seit 1927 die Person des Jahres ehrt, seine Entscheidung realistisch. 2025 habe sich das volle Potenzial der Künstlichen Intelligenz entfaltet und es sei klar geworden, dass es kein Zurück mehr gebe.
Das Magazin unterstrich das Ausmass besagter Kraft mit gleich zwei Titelseiten derselben Ausgabe: Die eine zeigte die zwei riesigen Buchstaben AI für Artificial Intelligence als belebte Baustelle. Auf der zweiten sitzen neben anderen Sam Altman, Chef des ChatGPT-Entwicklers OpenAI, Meta-Boss Mark Zuckerberg, Nvidia-CEO Jensen Huang sowie der X- und Tesla Zampano Elon Musk auf einem Stahlträger hoch über Manhattan – ein direktes Bildzitat der ikonischen Fotografie mit den schwindelfreien Stahlbauarbeitern auf dem im Bau befindlichen RCA-Wolkenkratzer in New York aus dem Jahr 1932. Vor der KI hatte das «Time Magazine» bereits andere bahnbrechende Technologien und ihre Ermöglicher ausgezeichnet, so zum Beispiel 1982 den Personalcomputer zusammen mit dem damaligen IBM-Vorsitzenden John Opel und dem Apple-Mitgründer Steve Jobs.
Ein Apfel im Tiefschlaf
Womit wir bei der Aktualität angelangt wären. Oder anders gesagt: Beim Tagesgeschäft der KI, das mindestens ebenso interessant ist wie aufgeblasene Schlagwörter à la «Ära», «epochal» oder «Revolution». Und hier kommt Apple ins Spiel, der traditionelle Vorzeige-Innovator in der ICT, der bislang in der KI-Arena als ewiger Verkünder leerer Versprechungen zuverlässig für negative Schlagzeilen sorgte. Nicht nur unverbesserliche Apple-Fans begannen sich ernsthaft zu fragen, ob sich diese KI-Schlafmützigkeit nicht bald schon massiv rächen würde. Nicht zuletzt, weil der digitale Sprachassistent Siri in quasi atemberaubendem Tempo den Anschluss an die LLM-Konkurrenz (Large Language Model) wie ChatGPT und Googles Gemini verlor, was verständlicherweise ganz direkt auf Stimmung und Laune der Apple-Anwender und -Anleger schlug.
Gemini soll Siri endlich aufwecken
Mitte Januar sorgte deshalb die Ankündigung, dass Apple in Sachen KI nun auf Googles Gemini-Modelle setzt, für Erleichterung in der Siri-Szene – und für Begeisterung bei Google. Dessen jüngste Version der KI-Lokomotive Gemini wurde bereits vor der Apple-Ankündigung weltweit mit Lobpreisungen überhäuft und dürfte der ausschlaggebende Grund für die Entscheidung des iPhone-Konzerns zugunsten des Search-Giganten gewesen sein. Vor der Bekanntgabe des Deals, den sich Apple pro Jahr rund eine Milliarde US-Dollar kosten lässt, war auch über eine Zusammenarbeit mit OpenAI spekuliert worden. Eine solche ist auch weiterhin nicht ganz ausgeschlossen, ist der KI-Vertrag mit Google doch kein exklusiver. Allerdings scheint Apple zumindest für die nächsten Jahre primär auf Gemini zu setzen.
Gleich nach der Bekanntgabe der Übereinkunft mit Apple schoss der Börsenwert des Google-Mutterkonzerns Alphabet über vier Billionen US-Dollar, womit Alphabet die Mac-Designer überholte und nun hinter der KI-ChipSchmiede Nvidia als zweitwertvollstes Unternehmen der Welt firmiert. Apple wiederum dürfte das Überholmanöver locker verschmerzen können. Mit dem gegenwärtig vielversprechendsten KI-Knowhow an Bord liegt es jetzt primär an den Konzeptern, Tüftlern und Design-Spezialisten in Cupertino, bis zur nächsten Entwicklerkonferenz im kommenden Frühling entsprechende Innovationen samt zugehöriger KI-Roadmap zu präsentieren und bereitzustellen.
Beat Hochuli
Beat Hochuli ist ein Schweizer IT-Journalist, der als freischaffender Autor mit Schwerpunkt auf Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) tätig ist. Seine Arbeit umfasst unter anderem Trendanalysen und Fachartikel zu Themen wie Augmented Reality, mobilen Anwendungen und digitalen Innovationen.
