Sucht ist ein Symptom gesellschaftlicher Probleme

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Sucht ist ein Symptom gesellschaftlicher Probleme. Fotocredit: unsplash+Sucht ist ein Symptom gesellschaftlicher Probleme. Fotocredit: unsplash+
Sucht ist ein Symptom gesellschaftlicher Probleme. Fotocredit: unsplash+

Warum greifen junge Menschen exzessiv zum Smartphone – aus Langeweile, Gewohnheit oder steckt mehr dahinter? Eine neue ethnografische Studie stellt gängige Erklärungen infrage und zeigt überraschende Einblicke in das Leben junger Menschen mit problematischer Mediennutzung. Im Zentrum steht nicht das Verbot, sondern die Frage nach dem Warum: Welche gesellschaftlichen Umstände begünstigen digitale Fluchten? Und was erzählen Betroffene selbst über ihre Erfahrungen in einer Suchtklinik? Die Digitalanthropologin Suzana Jovicic geht diesen Fragen auf ungewöhnliche Weise nach und bringt Stimmen zu Wort, die sonst oft überhört werden. Die Erkenntnisse regen zum Nachdenken an – über Sucht, Jugend, Leistungsdruck und die Rolle digitaler Räume in einer komplexen Welt. Ein Blick hinter die Oberfläche eines viel diskutierten Phänomens.

Seit 01. Mai sind die Klassen bis zur achten Schulstufe handyfreie Zonen, dieses Verbot gilt österreichweit einheitlich. «Schon in früheren Forschungen fiel mir die Diskrepanz zwischen der großen medialen Präsenz von Smartphone-Sucht und der Sicht der Jugendlichen auf, die oft ganz andere Prioritäten hatten», sagt Suzana Jovicic vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Laut der Wissenschaftlerin ist die Handlungsfähigkeit Jugendlicher in der digitalen Welt größer, als Erwachsene annehmen. Gleichzeitig sind Onlineorte vielschichtig, genauso wie Orte der realen Welt, zieht Jovicic einen Vergleich: «Promenaden oder Einkaufszentren sind per se weder gut noch schlecht, es kommt auf den Kontext an.»

Noch etwas fiel Jovicic auf: Es gibt zwar laufend Studien, wie viel Zeit junge Menschen online verbringen, aber nur selten wird erhoben, wie viele Stunden Jugendliche für Schule und Hausaufgaben aufwenden. Eine der nennenswerten Studien der vergangenen 20 Jahre ergab Arbeitszeiten von bis zu 55 Stunden pro Woche in höherbildenden Schulen. Die Digitalanthropologin fragt sich: «Warum problematisieren wir die Onlinefreizeit so sehr, aber fragen nicht nach dem Leistungsdruck oder nach den Zukunftssorgen der kommenden Generationen?» Viele Schüler:innen würden berichten, dass sie nur am Wochenende entspannen können. Daher gehen sie unter der Woche nicht aus, aber wollen zumindest online mit ihrem Freundeskreis Kontakt halten.

Ethnografische Methode lässt Betroffene sprechen

Ihre offenen Fragen führten Jovicic zu dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten ESPRIT-Projekt «Verhandlungen der Smartphone-Sucht» und in den klinischen Bereich. Bei ihrer Forschung geht Jovicic ethnografisch und partizipativ vor, sie verbringt viel Zeit mit den Menschen, um ihre Lebensverhältnisse und Perspektiven zu verstehen. Sie hinterfragt Annahmen, die die Gesellschaft über die Nutzung digitaler Medien hat: «Dabei überwiegt ein moralisierender Diskurs. Und was problematische Nutzungszeiten von Smartphones sind, wird eher willkürlich top-down festgelegt», so die Forscherin. Der Digitalanthropologin ist es wichtig, dass Menschen, die Smartphone- und Internetsucht erleben, selbst zu Wort kommen. Das ist aufwendig und erfordert viel Zeit für die Datenauswertung. Der Vorteil ist, die Wissenschaftlerin gelangt so an die Wurzeln der Suchterkrankungen.

Aus Sicht von Jovicic gibt es hier Aufholbedarf, was Forschung und Diagnostik betrifft. Bis dato ist nur Computerspielsucht international als psychiatrische Störung anerkannt, nicht aber Smartphone- oder Internetsucht; zusätzlich gibt es bei Pornosucht, Kaufsucht oder Glücksspielsucht Überschneidungen zwischen Online- und Offlinewelten.

«Patient:innen erzählen, dass Suchtmittel nicht das Problem, sondern die Lösung sind.»

Sagt Suzana Jovicic vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien.

Vertrauen ist ein großer Wert

Vier Monate lang forschte Suzana Jovicic jeden Tag in einer auf Spiel- und Internetsucht spezialisierten österreichischen Klinik. Sie nahm an Gruppentherapien teil und führte Interviews mit dem klinischen Personal und den Patient:innen, zum großen Teil junge Männer in ihren Zwanzigern oder Dreißigern. In der ethnografischen Forschung ist der Aufbau von Vertrauen entscheidend; ganz speziell im Setting der Suchtklinik mit vulnerablen Menschen, die oft einen langen Leidensweg hinter sich haben, teilweise wiederholt behandelt wurden und wo folglich viel Hoffnungslosigkeit zu spüren ist. «Um tiefer einzusteigen, sodass Menschen auch intime Sachen erzählen, braucht es eine Vertrauensbasis», erzählt Jovicic. «Wenn jemand solche Gespräche zulässt und sagt: Ich erzähle meine Geschichte für die Forschung, weil das wichtig ist, und ich möchte etwas beitragen – dann ist das jedes Mal für mich ein besonderer Moment.»

Gesellschaftliche Probleme in den Fokus rücken

Im dritten Jahr des bis Mai 2026 laufenden Forschungsprojekts werden die Besuche in der Klinik nach Bedarf fortgesetzt und die umfangreichen Daten ausgewertet. Wichtige Erkenntnisse lassen sich bereits ableiten und bestätigen frühere Forschungsprojekte der Digitalanthropologin: «Sucht ist aus sozialwissenschaftlicher Perspektive auch ein Symptom von gesellschaftlichen Problematiken und nicht nur ein individuelles Problem.» Das wissen auch die Therapeut:innen. So erzählen die Patient:innen häufig, dass das Suchtmittel für sie nicht das Problem sei, sondern die Problemlösung.

Im Projekt berichteten viele Menschen über familiäre Probleme, über Mobbing und Einsamkeit, über chronische Erkrankungen oder Neurodivergenzen wie Autismus und ADHS als Auslöser für den intensiven Medienkonsum. Probleme wie berufliche Orientierungslosigkeit und Frustration sind vor allem bei jungen Menschen ausgeprägt, denn ihnen werde oft gesagt, sie müssten nur ihre innere Berufung finden, dann könnten sie alles erreichen.

Leistungsdruck und soziale Ungleichheit

Die US-Wissenschaftlerin Lauren Berlant bezeichnete dies als «grausamen Optimismus» und Jovicic fand deren Konzept hierzulande durch Strukturen verstärkt: «In Österreich wird sehr früh durch Schulformen entschieden, welcher berufliche Weg überhaupt infrage kommt, die soziale Mobilität ist also beschränkt. Zusätzlich haben junge Menschen viel Leistungsdruck in der Schule und zu Hause und dann ist es vielleicht erträglicher, in einer anderen Welt ihre Zeit zu verbringen, wo man die Probleme vergessen kann und sogar Erfolgserlebnisse hat.»

Solche Ungleichheiten können aus finanziellen Gründen noch verstärkt werden, wenn Eltern viel arbeiten müssen und wenig Zeit für ihre Kinder haben. Oft stelle sich auch die Frage der Leistbarkeit von Freizeit; so kostet die Teilnahme in Sportvereinen Geld, während das Internet leichter zugänglich ist. Und gerade migrantische Jugendliche spüren, dass sie im öffentlichen Raum nicht immer gern gesehen sind. Dagegen ist die Onlinewelt insofern nicht diskriminierend, als sie Klicks von allen will – ungeachtet von Kultur und Hautfarbe.

Handyverbot löst nicht die dahinterstehenden Probleme

Das aktuell beschlossene Handyverbot ist für Jovicic ein vielsagendes politisches Beispiel: «Verbote sind einfacher und kurzfristiger durchzusetzen. Gleichzeitig wird aber zu wenig in digitale Grundbildung investiert; es gibt zwar Programme, aber zu wenig Ressourcen dafür, auch im Hinblick auf psychologische Unterstützung für Schüler:innen und Lehrkräfte.»

Man sollte die größeren gesellschaftlichen Problematiken angehen, wie die Ungleichheit im Schulsystem, Einsamkeit oder Mobbing, die es genauso in der Offlinewelt gibt. Das setzt mehr finanzielle Ressourcen für Betreuung und Servicestellen voraus. Wünschenswert sind, so Jovicic, niederschwellige Angebote außerhalb des klinischen Kontexts, wo sich Menschen mit psychischen Problemen oder Anzeichen von Suchtverhalten aussprechen können. Denn ein Aufenthalt in der Klinik kann nicht nur stigmatisierend, sondern auch mit beruflichen oder finanziellen Hürden verbunden sein.

Bemerkenswert sei außerdem, findet die Forscherin, dass in den Medien und in der öffentlichen Wahrnehmung das Thema Handysucht sehr präsent ist, nicht aber Alkohol, obwohl im klinischen Alltag in Österreich 70 Prozent der Suchtbetroffenen alkoholsüchtig sind. So seien etwa kleine Alkoholfläschchen an der Supermarktkasse für das Zielpublikum sehr problematisch. Daher sollten nicht nur Internetsucht und ihre Varianten, sondern das gesamte breite Themenspektrum Sucht mehr Aufmerksamkeit bekommen. Mehr Investitionen in Hilfsangebote bedeuten langfristig weniger Investitionen in Gesundheitsausgaben und soziale Konflikte.

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