Steigende geopolitische Spannungen rücken die Frage der europäischen Zahlungssouveränität in den Mittelpunkt. Zwar werden viele Transaktionen weiterhin über internationale Kartennetzwerke abgewickelt, gleichzeitig verfügt Europa über leistungsfähige nationale Zahlungssysteme und innovative Fintech-Unternehmen. Das eigentliche Problem liegt weniger im Mangel an Kompetenz als in der fehlenden Integration dieser bestehenden Lösungen. Für eine nachhaltige europäische Zahlungsinfrastruktur braucht es attraktive Angebote für Verbraucher, internationale Kooperation statt Abschottung, bessere Wachstumsbedingungen für europäische Innovationen sowie eine Regulierung, die Wettbewerb fördert, anstatt unbeabsichtigt bestehende Abhängigkeiten zu verstärken.
Volatile Energiepreise, unterbrochene Handelsrouten, neue Sanktionsregime: Die heutigen geopolitischen Spannungen machen Europa schmerzhaft deutlich, dass Souveränität keine abstrakte Idee ist, sondern eine Frage konkreter Kontrolle. Wer kritische Infrastrukturen nicht selbst kontrolliert, ist dann verwundbar, wenn es am meisten darauf ankommt.
Diese Erkenntnis prägt inzwischen die Debatten über Energie, Handel und Sicherheit und erstreckt sich zunehmend auch auf die Kontrolle des Zahlungsverkehrs – zu Recht. Zahlungssysteme sind weit mehr als technische Dienstleister. Sie sind die unsichtbaren Schienen sowohl der physischen als auch der digitalen Wirtschaft, und wer sie betreibt, bestimmt letztlich die Regeln, den Zugang und, wenn nötig, den Ausschluss.
Doch steht es wirklich so schlecht um Europas Souveränität im Zahlungsverkehr? Ja und nein.
Abhängigkeit von globalen Zahlungsnetzwerken
Einerseits wird ein erheblicher Teil der in Europa abgewickelten Zahlungen über internationale Kartensysteme wie Visa und Mastercard verarbeitet. Obwohl diese Unternehmen in Europa stark vertreten sind, bleiben wesentliche Teile ihrer Infrastruktur, ihrer Governance und ihrer Entscheidungsprozesse global ausgerichtet und entziehen sich letztlich einer vollständigen europäischen Kontrolle. Dadurch wird Europas Fähigkeit eingeschränkt, kritische Zahlungsströme nach eigenen Maßstäben zu gestalten.
Diese Abhängigkeit ist nicht nur systemischer Natur, sondern auch ganz konkret spürbar. Wer die zentralen Zahlungsströme kontrolliert, verfügt über ein wirksames Instrument wirtschaftlichen Einflusses – insbesondere in Zeiten geopolitischer Spannungen. Sie betrifft auch die Verbraucher unmittelbar. Viele haben kaum Transparenz darüber, wo ihre Zahlungsdaten verarbeitet und gespeichert werden oder wer möglicherweise Zugriff darauf erhält. Dabei geht es nicht um abstrakte Prinzipien, sondern um Kontrolle und Vertrauen im digitalen Alltag.
Starke nationale Grundlagen ohne Integration
Dies ist jedoch nur eine Seite des Bildes. Andererseits verfügt Europa durchaus über Elemente von Zahlungssouveränität – allerdings vor allem auf nationaler Ebene und nicht in einem gesamteuropäischen Maßstab. Beispiele hierfür sind Blik in Polen, Bizum in Spanien, Twint in der Schweiz, iDEAL in den Niederlanden oder die Girocard in Deutschland. Diese Systeme werden intensiv genutzt und sind tief in ihren jeweiligen Heimatmärkten verankert. Mit Wero beginnt zudem die Entstehung einer grenzüberschreitenden digitalen Wallet. Sie ist bereits mit iDEAL in den Niederlanden sowie Payconiq in Luxemburg und Belgien verknüpft; weitere Integrationen dürften folgen.
Die genannten Beispiele sind allesamt Initiativen europäischer Banken. Auf Seiten der europäischen Fintechs gibt es ebenfalls zahlreiche innovative Unternehmen, die europaweite Zahlungslösungen anbieten können. Beispiele hierfür sind Klarna, Brite, Truelayer, Satispay und viele weitere.
Das ist ein echter Fortschritt. Zugleich macht er jedoch das tieferliegende strukturelle Problem sichtbar. Hinter jeder dieser nationalen Lösungen stehen starke kommerzielle Ökosysteme: Banken, Zahlungsdienstleister und Betreiber von Zahlungssystemen mit etablierten Positionen in ihren Heimatmärkten. Es ist wenig wahrscheinlich, dass ein erfolgreiches nationales System allein aus politischen Gründen bereit wäre, sich durch eine andere Lösung ersetzen zu lassen.
Daraus ergibt sich eine strukturelle Herausforderung:
Europa braucht Integration, doch seine stärksten bestehenden Systeme konkurrieren miteinander, anstatt zusammenzuwachsen.
Diese Spannung aufzulösen, ist eine der zentralen Hürden auf dem Weg zu einer echten europäischen Zahlungssouveränität.
Europas Position ist daher weder von Schwäche noch von vollständiger Souveränität geprägt. Europa verfügt über die Fähigkeiten – wie die starken nationalen Lösungen belegen –, besitzt jedoch noch nicht die notwendige Integration, um diese Stärke in ein wirklich europäisches System zu überführen. Diese Lücke zu schließen bedeutet nicht, bei null anzufangen, sondern die Zersplitterung dessen zu überwinden, was bereits vorhanden ist.
Souveränität braucht Akzeptanz
Ja, Europa ist mit problematischen Abhängigkeiten konfrontiert. Vor dem Hintergrund wachsender geopolitischer Unsicherheit ist es wichtig, diese Realität klar zu benennen.
Gleichzeitig gilt aber auch: Das politische und wirtschaftliche Bewusstsein für europäische Souveränität war noch nie so ausgeprägt wie heute. Politische Initiativen entwickeln sich in die richtige Richtung, indem sie digitale Infrastrukturen zunehmend als strategische Systeme begreifen.
In der Praxis wird Zahlungssouveränität jedoch nicht durch Appelle erreicht, sondern durch Lösungen, die im Alltag tatsächlich genutzt werden.
Als CEO eines deutschen Zahlungsdienstleisters habe ich erlebt, wie Zahlungsmethoden kamen und gingen. Die erfolgreichen haben eines gemeinsam: Sie bieten aus Sicht der Verbraucher einen klaren Mehrwert. Die Akzeptanz der Verbraucher ist entscheidend. Nur Lösungen, die sich nahtlos in bestehende Gewohnheiten einfügen, werden sich durchsetzen.
Was nötig sein wird, um dieses Ziel zu erreichen
Aus meiner Sicht sind vier Dinge entscheidend:
- Erstens gilt, wie bereits gesagt: Zahlungssouveränität wird nicht durch Appelle erreicht, sondern durch Lösungen, die im Alltag tatsächlich genutzt werden. Die Akzeptanz der Verbraucher ist entscheidend: Nur Dienstleistungen, die einen klaren Mehrwert bieten und sich nahtlos in bestehende Gewohnheiten einfügen, werden die notwendige Größenordnung erreichen.
- Zweitens ist internationale Zusammenarbeit im Zahlungsverkehr unverzichtbar. Auch wir arbeiten täglich mit globalen Akteuren wie Mastercard und Visa zusammen und profitieren von ihrer Erfahrung, ihrer Reichweite und ihrem technologischen Fortschritt. Diese Partnerschaften sind für reibungslose Zahlungsprozesse und eine weltweite Akzeptanz unerlässlich. Gerade deshalb darf der Aufbau europäischer Alternativen nicht als Gegenmodell zur internationalen Zusammenarbeit verstanden werden. Europäische Zahlungssouveränität bedeutet nicht Isolation. Sie bedeutet, gezielt eigene Fähigkeiten aufzubauen und diese intelligent zu integrieren, damit Europa handlungsfähig bleibt, wenn es darauf ankommt.
- Drittens muss Europa den Weg dafür ebnen, dass die nächste Generation europäischer Zahlungsunternehmen entstehen, wachsen und im Wettbewerb bestehen kann. Unabhängig davon, wie man China politisch beurteilt, macht das Land eines sehr gut: Es fördert Forschung, Entwicklung und Unternehmertum, indem es ein breites Spektrum an Start-ups finanziert, sie miteinander konkurrieren lässt und den stärksten Lösungen ermöglicht, sich durchzusetzen. Das Ergebnis ist eine kontinuierliche Pipeline glaubwürdiger Herausforderer – und zwar genau in den Technologiebereichen, die von entscheidender Bedeutung sind.
- Viertens muss Europa erkennen, dass Regulierung unbeabsichtigt genau jene Abhängigkeiten verstärken kann, die sie eigentlich verringern soll. Europäische Fintech-Unternehmen stehen häufig unter ständigem regulatorischem Druck, während große internationale Marktführer von ihrer Größe, ihrer etablierten Infrastruktur und – in einigen Märkten – von günstigen steuerlichen oder wettbewerblichen Rahmenbedingungen profitieren, die ihnen ausgerechnet von denselben europäischen Regierungen und Regulierungsbehörden eingeräumt werden.
PSD2 sollte beispielsweise Innovation und Wettbewerb im Zahlungsverkehr fördern. In der Praxis hat die Richtlinie jedoch viele private europäische Account-to-Account-Zahlungsinitiativen erheblich geschwächt, noch bevor sie die notwendige Größenordnung erreichen konnten. Ähnliche Bedenken entstehen nun im Zusammenhang mit dem neuen Rechtsrahmen für Verbraucherkredite. Dort könnten strengere Anforderungen europäische Anbieter von Buy Now, Pay Later-Lösungen unverhältnismäßig stark belasten, während etablierte globale, kartenbasierte Modelle vergleichsweise im Vorteil bleiben.
Wenn Europa stärkere heimische Marktführer hervorbringen will, muss Regulierung nicht nur Verbraucher schützen und Stabilität gewährleisten, sondern auch Rahmenbedingungen schaffen, unter denen europäische Innovationen realistisch konkurrieren und wachsen können.
Die Lehre daraus ist nicht, andere Modelle zu kopieren. Vielmehr sollte Europa die Bereiche definieren, in denen es wettbewerbsfähig sein will – einschließlich des Zahlungsverkehrs – und diese mit Kapital, einem klaren regulatorischen Rahmen sowie koordiniertem Handeln der Mitgliedstaaten unterstützen. Es sollte einfacher sein, ein Unternehmen aufzubauen, als sich durch die Zersplitterung des europäischen Marktes zu kämpfen. Und Erfolg sollte über Jahrzehnte gemessen werden, nicht über Wahlperioden.
Von der Infrastruktur zur Umsetzung
Souveränität im Zahlungsverkehr wird nicht allein durch Infrastrukturprojekte erreicht. Sie wird von europäischen Unternehmen geschaffen, denen eine echte Chance gegeben wird, zunächst auf ihrem Heimatmarkt und anschließend darüber hinaus erfolgreich zu sein. Die Politik kann die Rahmenbedingungen setzen. Doch am Ende wird Souveränität nicht ausgerufen. Sie wird aufgebaut – Transaktion für Transaktion.
