Europas Konsumgewohnheiten verschieben sich: Mehr Kaufkraft bedeutet längst nicht automatisch mehr Geld für den Einzelhandel. Stattdessen gewinnen Dienstleistungen und Freizeit an Gewicht, während das Umsatzwachstum im Handel nachlässt. Besonders deutlich zeigen sich Unterschiede zwischen West- und Osteuropa. Die Entwicklung deutet auf einen strukturellen Wandel hin, der für Händler, Investoren und Projektentwickler neue Fragen zu Standorten, Sortimenten und Konsumpotenzial aufwirft.
Mit 24,6 Prozent geben die Schweizer europaweit einen der geringsten Anteile ihres Konsums im Einzelhandel aus. Während der Anteil in der Schweiz gegenüber dem Vorjahr stabil blieb, setzte sich der Rückgang auf europäischer Ebene bereits das vierte Jahr in Folge fort. EU-weit entfielen 2025 nur noch 31,9 Prozent des privaten Konsums auf den Einzelhandel. Das zeigt die neue, kostenfreie Studie von NIQ Geomarketing, die heute veröffentlicht wurde und einen umfassenden Überblick über die Einzelhandelstrends in Europa bietet.
Trotz steigender Kaufkraft und wachsender Einzelhandelsumsätze verliert der Einzelhandel innerhalb der privaten Konsumausgaben europaweit weiter an Bedeutung. Im Jahr 2025 entfielen nur noch 31,9 Prozent des gesamten privaten Konsums auf den Einzelhandel. Allerdings bestehen weiterhin deutliche regionale Unterschiede: Besonders Verbraucher in ost- und südosteuropäischen Ländern verwenden einen deutlich größeren Anteil ihrer Konsumausgaben für den Einzelhandel.
Unter den 27 EU-Mitgliedstaaten weist Kroatien mit 48,3 Prozent den höchsten Einzelhandelsanteil auf, gefolgt von Litauen mit 45,7 Prozent, Bulgarien mit 44,0 Prozent und Ungarn mit 43,2 Prozent. Die Schweiz liegt mit 24,6 Prozent deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Nur Deutschland weist mit 22,2 Prozent einen noch niedrigeren Wert auf. Wie auch in anderen einkommensstarken europäischen Märkten fließt sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland ein vergleichsweise großer Teil der Konsumausgaben in Dienstleistungen und andere nicht-einzelhandelsbezogene Ausgaben.
«Die zentrale Erkenntnis ist nicht, dass die Europäer weniger ausgeben, sondern dass sie ihr Geld anders ausgeben»
erklärt Studienleiter Philipp Willroth aus dem Bereich Geomarketing von NIQ. «Der Einzelhandelsumsatz wächst weiterhin, doch ein zunehmender Anteil der Verbraucherbudgets fließt in Dienstleistungen und Freizeit. Dies deutet auf einen strukturellen Wandel der Konsumprioritäten in Europa hin. Eine steigende Kaufkraft führt nicht mehr automatisch zu höheren Ausgaben im Einzelhandel.»
In der kostenfreien Studie «Einzelhandel Europa» hat NIQ Geomarketing die Schlüsselindikatoren des europäischen Einzelhandels für das Jahr 2025 untersucht. Die Studie bietet umfangreiche Trendanalysen für zahlreiche europäische Länder und ist damit eine wichtige Orientierungshilfe für Einzelhändler, Investoren und Projektentwickler.
Weitere wichtige Ergebnisse im Überblick
Kaufkraft
Im Jahr 2025 stieg die Kaufkraft in der EU trotz anhaltender geopolitischer Unsicherheiten und erhöhter Inflation in Teilen Europas weiter an. Die durchschnittliche Kaufkraft pro Einwohner erreichte 22.425 Euro und lag damit nominal um 3,3 Prozent über dem revidierten Wert von 2024. Insgesamt standen den Einwohnern der 27 Mitgliedstaaten rund 10,1 Billionen Euro für Ausgaben wie Lebensmittel, Einzelhandelseinkäufe, Wohnen, Dienstleistungen, Energiekosten, private Altersvorsorge, Versicherungen, Urlaubsreisen und Mobilität zur Verfügung. Die stärksten Zuwächse wurden in Polen (+8,8 Prozent), Litauen (+8,3 Prozent), Rumänien (+7,7 Prozent) und Bulgarien (+7,3 Prozent) verzeichnet. Die stärkeren Zuwächse in Süd- und Osteuropa zeigen, dass sich die Einkommensunterschiede innerhalb Europas weiter verringern.
Einzelhandelsumsatz
Nach einem deutlichen Anstieg von 5,5 Prozent im Jahr 2023 und einem Wachstum von 3,0 Prozent im Jahr 2024 verlangsamte sich das Wachstum des Einzelhandelsumsatzes in der EU im Jahr 2025 auf 2,1 Prozent. Dies deutet auf eine fortschreitende Normalisierung des Konsumverhaltens nach der Erholung von den Auswirkungen der Pandemie hin. Besonders dynamisch entwickelten sich die Einzelhandelsumsätze in Nord- und Osteuropa. Angeführt wurde das Ranking von Norwegen (+13,1 Prozent) und Litauen (+10,5 Prozent), gefolgt von Schweden (+8,9 Prozent), Bulgarien (+8,2 Prozent) und der Slowakei (+8,0 Prozent). Steigende Löhne und eine verbesserte Kaufkraft unterstützten die Einzelhandelsausgaben in diesen Märkten. Im Gegensatz dazu bleiben die großen westeuropäischen Märkte schwach und bremsen weiterhin das Gesamtwachstum. Das Vereinigte Königreich verzeichnete sogar einen Rückgang von 0,6 Prozent.
Inflation
Nach den starken Preissteigerungen in den Jahren nach der Energiekrise von 2022 stabilisierte sich die Inflation in der EU im Jahr 2025 weiter und lag durchschnittlich bei 2,5 Prozent. Damit näherte sie sich dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank an. Die höchste Inflationsrate wurde in Rumänien (6,8 Prozent) verzeichnet, gefolgt von Estland (4,8 Prozent), Ungarn (4,4 Prozent), Kroatien (4,4 Prozent) und der Slowakei (4,2 Prozent). Grund waren vor allem das anhaltende Lohnwachstum sowie der hohe Arbeitsmarktdruck in Teilen Osteuropas. Frankreich hingegen hatte mit lediglich 0,9 Prozent eine der niedrigsten Inflationsraten Europas, begünstigt durch eine schwächere Binnennachfrage und einen günstigen Energiemix. Für das Jahr 2026 wird erwartet, dass die Inflation in den EU-27-Staaten wieder auf 3,1 Prozent ansteigt, hauptsächlich getrieben durch den erneuten Druck auf die Energiemärkte.
