Das KI-Jahr 2025 war geprägt von Tempo, Macht und Gegensätzen. Milliardeninvestitionen trieben die grossen Sprachmodelle endgültig in den Alltag, während einzelne Plattformen ihre Reichweite strategisch absicherten. Gleichzeitig offenbarte sich eine wachsende Kluft zwischen globaler Dominanz und regionalen Alternativen. In Europa und der Schweiz standen nicht Grösse und Hype im Vordergrund, sondern Offenheit und Spezialisierung. Das Jahr zeigt, dass sich der Erfolg von KI nicht nur an Rechenleistung, sondern an gesellschaftlicher Verankerung entscheidet.
Milliardensummen, überraschende Sieger und bescheidene Ansätze in Europa und der Schweiz: So in etwa lässt sich das vergangene KI-Jahr zusammenfassen. Und vor allem: Mit Googles Gemini sind die grossen Sprachmodelle definitiv im Alltag angekommen.
Das Jahr 2025 neigt sich langsam aber sicher seinem wohlverdienten Ende zu. Geprägt war es vom Hyperaktivitäts-Syndrom der Trumpschen Art, was sich typischerweise auch in den per se nervösen KI-Gefilden niederschlug. Dies vor allem in Gestalt von «Deals», «Gegendeals» und «Überdeals» im Wert von bis zu dreistelligen Dollar Milliardensummen. Vordergründig heissen die Sieger des diesjährigen KI-Rennens Nvidia und OpenAI. Etwas in den Mittelgrund zurückversetzt kann sich Oracle-Übervater Larry Ellison einmal mehr ins Fäustchen lachen, wird er doch mit seinen Cloud-Infrastruktur-Services den erwähnten KI-Platzhirschen gegen ein entsprechend reichhaltiges Entgelt zu Diensten sein. Wie auch der Amazon-Oberaufseher Jeff Bezos, der allerdings gegen Ellison eindeutig den Kürzeren zog.
Google verhindert die Zerschlagung
Derweil baut Mark Zuckerberg auf wenig spektakuläre, dafür aber umso selbstverständlichere Art und Weise die hauseigene Meta AI in alle sozialen und weniger sozialen Netzwerke seines Imperiums ein. Oberflächlich betrachtet sollen die Anwender für seine künstlichen Assistenten und Assistenzen dankbar sein. In erster Linie freut sich natürlich wie immer der Zuck-Konzern selbst über all die zusätzlichen User-Datensätze. Aber dies sind nun mal die Spielregeln der digital-sozialen Geschäftsmodelle. Daran ändert sich gleichgültig, wie viel KI der jeweiligen algorithmischen Rezeptur beigemischt ist oder nicht.
Der grosse Sieger des Jahres heisst allerdings Google. Wie bitte? Google? Die kannibalisieren sich doch bei der Websuche selbst mit ihrer Gemini-KI! Richtig. Einerseits stimmt das. Andererseits ist Gemini mit Abstand das gegenwärtig beste LLM-KI-Modell (Large Language Model), seit Google 2023 seine interne KI-Forschung mit der Tochterfirma Deepmind zusammengelegt hat. Das Resultat kann jeder Anwender sofort überprüfen, der eine ganz normale Google-Suche startet. Zuoberst erscheint eine von Gemini verfasste Zusammenfassung der gewünschten Antwort, die in den meisten Fällen ausreicht – und das erst noch in erstaunlich guter Sprachqualität. Dass sich Google bezüglich seines traditionellen Suchmaschinen-Kerngeschäfts damit selbst kannibalisiert, hat paradoxerweise einen für den Konzern vorteilhaften Effekt: Er entgeht damit ziemlich elegant der seit längerem drohenden Gefahr, von den US-Wettbewerbshütern wegen Monopolvorwürfen zerschlagen zu werden.
Da diese Drohung nun ausgeräumt ist, kann Google voll von der Einbettung von Gemini in sein hauseigenes Betriebssystem Android und in den Browser-Spitzenreiter Chrome profitieren. Und wie gesagt: Die Tatsache, dass Gemini bei jeder Google-Suche gute bis sehr gute Resultate liefert, führt der weltweiten User-Gemeinde permanent vor Augen, welchen Nutzen eine erstklassige KI im alltäglichen Gebrauch bringt. Bessere Werbung in eigener Sache und für KI im Allgemeinen geht nicht.
DeepSeek, Mistral und Apertus
Angesichts dieser Überlegenheit der US-Riesen in der KI-Arena stellt sich natürlich die Frage: Und der Rest der Welt? Was hatte der 2025 zu bieten? Erstens den kurzen Schock in Gestalt von DeepSeek. Das clevere Sprachmodell aus dem Reich der Mitte konnte ChatGPT aus dem Hause OpenAI aufgrund eines massiv geringeren Stromverbrauchs in Verlegenheit bringen. Allerdings bleibt abzuwarten, wie sich die chinesische KI-Landschaft weiterentwickelt. Ein grosses Fragezeichen muss diesbezüglich bei der Versorgung mit respektive der Produktion von Hochleistungs-Chips gesetzt werden.
Dies sollte bei der Gemeinschafts-Initiative des französischen KI-Startups Mistral mit dem weltmarktführenden Halbleitermaschinen-Bauer ASML aus den Niederlanden und den KI-Chip-Zampanos von Nvidia kein Hindernis sein. Allerdings bäckt Mistral mit seinem europäischen LLM Le Chat deutlich kleinere Brötchen als die Konkurrenz aus Übersee. Letzteres gilt auch für das Schweizer KI-Modell Apertus, das von den beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne zusammen mit dem nationalen Supercomputing-Zentrum in Lugano entwickelt wurde. Wie der Name schon sagt, ist Apertus quelloffen und soll die Grundlage für weitere, eher bescheidene, weil auf bestimmte Anwendungen zugeschnittene KI-Entwicklungen liefern.
Beat Hochuli
Beat Hochuli ist ein Schweizer IT-Journalist, der als freischaffender Autor mit Schwerpunkt auf Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) tätig ist. Seine Arbeit umfasst unter anderem Trendanalysen und Fachartikel zu Themen wie Augmented Reality, mobilen Anwendungen und digitalen Innovationen.
