Wenn mit KI alles möglich ist – was bleibt dann relevant?

DigitalisierungInnovationKITechnologie

Wenn mit KI alles möglich ist – was bleibt dann relevant?Wenn mit KI alles möglich ist – was bleibt dann relevant?
Wenn mit KI alles möglich ist – was bleibt dann relevant?

Künstliche Intelligenz, 3D-Technologien und Echtzeit-Visualisierung verändern Design grundlegend. Produkte entstehen heute als digitale Zwillinge, werden simuliert, getestet und iterativ optimiert, bevor sie real gebaut werden. Dabei verschiebt sich Design von linearen Prozessen hin zu komplex orchestrierten Workflows, in denen verschiedene Tools kombiniert werden. Entscheidend ist nicht mehr nur das Ergebnis, sondern die Qualität der Entscheidungen im Prozess. Die Rolle von Designer:innen wandelt sich entsprechend: Technisches Verständnis, Systemdenken und die Fähigkeit zur Kuration werden zentral. KI fungiert dabei als Sparringspartner, der neue Impulse liefert, aber gezielte Steuerung erfordert. Gestaltung gewinnt dadurch an Verantwortung, da Relevanz stärker gefiltert und bewusst erzeugt werden muss.

Fast alles ist möglich. Design ist an einem Punkt angekommen, an dem Künstliche Intelligenz, Echtzeit-Visualisierung und dreidimensionale Prozesse längst den Maßstab setzen. Wo früher Skizzen entstanden und Renderings den nächsten Schritt markierten, wird Design heute direkt im Raum gedacht. Produkte werden als digitale Zwillinge entwickelt, getestet und erlebt, bevor sie gebaut werden. Materialien, Proportionen und Atmosphären lassen sich simulieren, vergleichen und weiterentwickeln – unmittelbar, iterativ, in hoher Qualität. Was früher Vorstellungskraft erforderte, ist heute sichtbar. Was einst Zeit kostete, ist Teil eines immer schneller werdenden Prozesses. Der allgemeine visuelle Anspruch hat sich signifikant erhöht. Was früher als außergewöhnlich galt, definiert heute die Grundlage – hohe Präzision, schnelle Iteration und differenzierte Ausarbeitung werden vorausgesetzt.

Die Herausforderung liegt heute darin, Machbarkeit nicht mit Relevanz zu verwechseln, sondern Gestaltung als gezielten Hebel für systematischen Mehrwert zu begreifen. Genau an diesem Punkt setzt das Innovationsstudio BMW Group Designworks, eine unabhängige Tochter der BMW Group, an. Dort wird tagtäglich erlebbar, wie künstliche Intelligenz Design heute prägt, wie sich die Arbeit von Designer:innen verschiebt – und welche neuen Formen von Verantwortung, Haltung und Entscheidung damit einhergehen.

Designarbeit verschiebt sich: vom «Machen» zum «Orchestrieren»

Die klassische Vorstellung von Design als Abfolge festgelegter Schritte – Idee, Skizze, Ausarbeitung – greift immer seltener. Stattdessen entsteht Design heute in vernetzten Systemen: aus der Verkettung von Tools, aus parallelen Prozessen, aus bewussten Entscheidungen entlang eines strategisch orchestrierten Workflows. Nicht nur das Ergebnis steht einzig im Mittelpunkt, sondern auch der Prozess, der dorthin führt.

Lennart Baramsky, Designer bei BMW Group Designworks, der die klassischen Disziplingrenzen von Produkt- und UX-Design in seiner Arbeit längst hinter sich gelassen hat, beschreibt diese Verschiebung als zentrale Kompetenz der kommenden Jahre: «In Zukunft ist genau das die Leistung des Designers: die richtigen Tools für seinen Nutzen so miteinander zu verknüpfen, dass am Ende das beste Ergebnis herauskommt.» KI wird dabei nicht als All-in-one-Lösung verstanden, sondern als Teil eines Systems. Ein KI-Modell* erzeugt erste visuelle Ansätze, ein anderes verfeinert sie, ein drittes hebt Qualität und Detailtiefe weiter an. Gestaltung entsteht in der Abfolge – und in den Entscheidungen dazwischen.

Damit verändert sich auch das Anforderungsprofil des Berufs. Wer gestaltet, muss Prozesse neu denken, ideale Abläufe erkennen, Zusammenhänge steuern. Technisches Verständnis, 3D-Kompetenz und die Fähigkeit, digitale Werkzeuge sinnvoll zu kombinieren, werden zur Grundlage gestalterischer Arbeit. «Allein die Auswahl der Tools ist heute fast schon eine künstlerische Leistung für sich», sagt Baramsky. Gestaltung verlagert sich von der Oberfläche in die Struktur. Oder, wie er es selbst ausdrückt: «Oft fühle ich mich bei meiner Arbeit eher wie ein Art Creative Director, der entscheidet, in welche Richtung die KI gesteuert werden soll.»

Der Aha-Moment liegt genau hier: Design verliert nicht an Bedeutung – es gewinnt sogar an Verantwortung. Die Qualität guter Designer lag dabei schon immer in der Fähigkeit, Komplexität zu reduzieren und Relevanz sichtbar zu machen. Je mehr heute mit KI möglich ist, desto entscheidender ist, wie Möglichkeiten geordnet, gefiltert und zusammengeführt werden.

KI als Sparringspartner im Design- und Entscheidungsprozess

Die Arbeit mit KI ist eine Gratwanderung. Zwischen klarer Steuerung und bewusstem Raum für Unerwartetes. Designer:innen geben Richtung, Stimmung und Rahmen vor – und reagieren auf das, was zurückkommt. «Es geht häufig darum, eine Balance zu finden zwischen: Ich habe Kontrolle – und ich gebe die Kontrolle ab», sagt Lennart Baramsky. Abweichungen oder vermeintliche Fehler werden dabei nicht als Bug verstanden, sondern als Impuls. Als Ausgangspunkt für neue Gedanken.

Baramsky beschreibt: «Dieser Prozess beschreibt eine Art Dialog, den man führt mit der KI.» Die kreative Leistung liegt dabei nicht im ersten Ergebnis, sondern in der Auswahl. In dem, was weitergeführt wird – und in dem, was bewusst verworfen wird.

Dabei verschwindet Kreativität nicht, sie verlagert sich. Weg vom reinen Erzeugen, hin zum bewussten Auswählen, Kombinieren und Weiterdenken. Oder, wie Baramsky es zusammenfasst: «Kreativität ist für mich eine Kombination – eine Entscheidung aus Elementen, die man neu konfiguriert und zusammenbringt.»

Kuration als Haltung: Wie gestalterische Identität sichtbar bleibt

Diese Entscheidung berührt auch die Frage nach gestalterischer Identität. Wer sich für den Designberuf entschieden hat, tut das aus dem Wunsch heraus, selbst zu kreieren. Die Sorge, einen Teil dieser Identität abzugeben, ist berechtigt. Gleichzeitig zeigt die Praxis ein anderes Bild. «In meinem Fall beflügelt das eher die Kreativität», so Baramsky. KI eröffnet neue Kombinationsräume, beschleunigt Iterationen – ohne die finale gestalterische Verantwortung zu verschieben.

Lennart Baramsky beschreibt gestalterische Identität als etwas, das sich erst über Zeit formt: «Es ist nicht nur das eine Bild – es ist eine Masse an Entscheidungen.» Erst im Zusammenspiel vieler Arbeiten wird erkennbar, was eine Handschrift ausmacht: Welche Stimmungen dominieren. Welche Lösungen bevorzugt werden. Welche Varianten konsequent aussortiert bleiben. «So versteht man erst ab einer gewissen Menge an Bildern die gestalterische Handschrift.»

Gestaltung wird damit weniger zur Frage des einzelnen Outputs und mehr zur Frage der strukturellen Konsequenz im Prozess. Wer kuratiert, entwickelt eine Sprache. Wer Entscheidungen wiederholt trifft, formt Identität. Und genau darin bleibt Design unterscheidbar – auch, und gerade, im Arbeiten mit KI.

10 Impulse für die Design-Arbeit mit KI

Persönliche Insights von Lennart Baramsky:

  1. Gute AI, böse AI: Hinterfrage ehrlich die eigene Haltung.
  2. Let loose! Gestalte Deine eigene Gratwanderung zwischen Kontrolle und
    Kontrollabgabe. Dabei eröffnet sich ein riesiger Raum für Unerwartetes.
    Vermeintliche Fehler der KI können zu Deinem nächsten Geistesblitz
    führen. Also feiere das Unerwartete!
  3. Designweisheit reloaded: Weniger ist mehr! Du fragst Dich, wie Du
    Deine eigene Qualität erkennen kannst? Qualität hat nicht der, der Masse
    kann, sondern der, der Relevanz versteht.
  4. Die Guten ins Kröpfchen…: Deine kreative Leistung liegt in der Auswahl. Sowohl
    in dem, was weitergeführt wird als auch in dem, was bewusst verworfen wird. Die
    neue Währung beim Gestalten mit KI heißt «entscheiden und filtern»
  5. Wer fragt, der führt: Beim «Dialog mit der KI» gelten die Spielregeln der
    Gesprächsführung: Du führst, weil Du Rahmen und Richtung definierst,
    weil Du Dich nicht von Deinen Emotionen wegtragen lässt und weil Du es
    bist, der die Fragen stellt.
  6. Vom Follower zum Leader: Social Media ist voller Insiderwissen und versteckter
    Angebote: Gut recherchieren, hinschauen, in eigenes Wissen einstricken und
    Expertise (in Ruhe) aufbauen!
  7. Flex Beats Fixation: Ändere Deine Denkstrukturen! Such nicht das eine Tool.
    Wichtiger als die Fixierung auf die beste Lösung ist es, Prinzipien zu verstehen.
  8. From uncomfort zone to growth zone: Stell Dich drauf ein: Es wird
    unbequem, bevor es bequem wird! Trial, Error und auch Scheitern sind Teil
    des Spiels.
  9. Bei aller Liebe zur Gestaltung: Sieh zu, dass Du Deine Fähigkeit, Prozesse neu
    zu denken, trainierst!
  10. Jam it! Bei Designworks machen wir im Team regelmäßige Jam Sessions, um
    locker und frei in einen gemeinsamen Dialog und ins Lernen zu kommen.

Mehr zu Digitalisierung

Diskussion

Das könnte Sie auch interessieren