Im Resonanzraum des Philosophen

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Im Resonanzraum des Philosophen

Mit «Ethische Intelligenz» hat Markus Gabriel seinen jüngsten Beitrag zu KI und Moral betitelt. Das ökonomische und politische Machtgefälle zwischen Konzernen und Normalsterblichen ist für ihn kaum der Rede wert.

Der umtriebige Philosoph Markus Gabriel hat sich in der Öffentlichkeit mit seinem 2013 erschienenen Bestseller «Warum es die Welt nicht gibt» und zahlreichen damit zusammenhängenden medialen Auftritten einen Namen gemacht. Provozierte er damals mit seiner sogenannten Sinnfeld-Ontologie vor allem die Vertreter anderer erkenntnistheoretischer Ansätze, tummelt sich der 46-jährige Bonner Professor mittlerweile mit Vorliebe in den noch schlagzeilenträchtigeren Gefilden von Ethik, Moral und Künstlicher Intelligenz (KI). Sein jüngstes Werk trägt deshalb fast zwangsläufig den Titel «Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann.»

Eine ziemlich wilde Mixtur

An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich mich durch die Dreistigkeit dieses Titels dazu gedrängt sah, das Buch zu lesen und die vorliegende Rezension zu versuchen. Obwohl durch die Lektüre früherer Werke von Gabriel vorgewarnt – unter anderem des erwähnten «Weshalb es die Welt nicht gibt» – , war ich doch etwas überrascht von der ziemlich inkohärenten Mixtur aus Beschreibungen, Analysen, Argumentationen, Beschwichtigungen, Beschwörungen, Kaltschnäuzigkeiten und dann wieder eindringlichen Warnungen, aus denen sich «Ethische Intelligenz» zusammensetzt.

Das folgende längere Zitat soll als Veranschaulichung dienen: «Sie ist da, die KI, und sie wird bleiben. Die Frage ist, wer wir angesichts dieser Tatsache sein wollen. Es ist die Frage nach einer künftigen Ethischen Intelligenz, die sich nicht gegen, sondern mit der KI entwickelt.» Damit aber verschiebt sich der Horizont dessen, was «Intelligenz» in dem Begriff «Künstliche Intelligenz» bedeutet. Sie wird nicht länger nur in Gestalt von Rechenleistung und Effizienzsteigerung operieren, sondern die Fähigkeit haben, im Inneren von uns Menschen und in den Beziehungen zwischen uns zu wirken. KI wird zur Infrastruktur unserer Selbstwahrnehmung. Sie begleitet uns nicht, indem sie uns ersetzt, sondern indem sie uns entblösst: Sie zeigt, was in uns war, noch bevor wir es wussten. Das ist bereits Realität, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen.

Hierin liegt die eigentliche Zäsur. Die KI-Revolution ist nicht, wie wir lange dachten, primär technisch, sondern emotional und ethisch. Sie zwingt uns zur Selbsterkenntnis – oder sie überrollt uns. Denn wie in den alten Mythen vernichtet nicht die Macht der Technik die Menschen, sondern ihr Unvermögen, ihrer Spiegelung standzuhalten. Spiegel können gefährlich sein, aber auch entscheidend zur Selbsterkenntnis beitragen.

Deshalb brauchen wir keinen «Ethik-Algorithmus», der das Gute programmiert, sondern eine neue Form von Intelligenz in der Interaktion mit den KI-Systemen, die längst unter uns sind. Wir brauchen eine «Ethische Intelligenz». Diese besteht darin, die KI weder als Gegner noch als Erlöser zu begreifen, sondern als Mitspieler in einer neuen Ko-Evolution von Mensch und Maschine, bei der Ethik nicht nur angewandt, sondern gelebt wird: situativ, relational, wach, mitfühlend.

Die zentrale Frage lautet nicht mehr, was KI vermag. Die Antwort darauf ist bekannt: KI wird früher oder später alles besser, schneller und effizienter erledigen, was sich digitalisieren lässt. Damit aber stehen wir vor einer anderen, herausfordernden Frage: «Wer müssen wir Menschen werden, um im Resonanzfeld der KI zu bestehen?»

Spiegelungen und Situationen

Ich habe dieses lange Zitat ausgewählt, weil es die meisten zentralen Begriffe – und Worthülsen – enthält, mit denen Gabriel in dem Buch operiert. Und weil es den hypnotischen Duktus des gesamten Textes exemplarisch vor Augen führt – dies vor allem durch den exzessiven Einsatz der beschwörenden Wir-Form (wir brauchen, wir sollten, wir stehen vor der Frage, wir Menschen etc.). Ausserdem ist das Zitat auch in sich selbst ein gutes Beispiel für die penetrante Redundanz ganzer Sätze und Abschnitte im Buch, die auf eine eher nachlässige Schreibpraxis des Autors und eine noch nachlässigere Arbeit des Lektorats schliessen lassen.

Aber zurück zum Text und vor allem zu einigen zentralen Begriffen. Interessant ist hier das Gewicht, das Gabriel einer sogenannten situationistischen Ethik verleiht, wobei er Ethik und Moral gut umgangssprachlich und schlecht philosophisch synonym gebraucht. Die situationsabhängige Ethik verteidigt er mit dem «Argument», sie, die Ethik, könne dadurch «von unten» jeweils frisch entstehen und werde so nicht «von oben» uns, der KI und deren Gebrauch «übergestülpt».

In diesem Zusammenhang kritisiert er wiederholt KI-Regulierungsbemühungen seitens der EU, die sich ja primär gegen das grossspurige Gebaren der KI-Konzerne richten. Gabriel selbst behauptet ebenfalls mehrfach, gegenüber den mächtigen Konzernen kritisch eingestellt zu sein. Nach der Lektüre des gesamten Buchs scheint mir allerdings, dass ihm diese ziemlich gleichgültig sind. Viel lieber betont er immer wieder die Wichtigkeit der «Spiegelung» und der «Resonanz» zwischen KI und Menschen Diesbezüglich seien die Japaner mit ihren «dafür empfänglicheren» buddhistischen Traditionen dem Westen voraus.

Fazit

Wer sich für die jüngsten Ent- und Verwicklungen des «Neuen Realismus» im Allgemeinen und bei Markus Gabriel im Besonderen interessiert, dem sei «Ethische Intelligenz» zur Lektüre empfohlen.

Beat Hochuli

Beat Hochuli

Beat Hochuli ist ein Schweizer IT-Journalist, der als freischaffender Autor mit Schwerpunkt auf Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) tätig ist. Seine Arbeit umfasst unter anderem Trendanalysen und Fachartikel zu Themen wie Augmented Reality, mobilen Anwendungen und digitalen Innovationen.

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