Künstliche Intelligenz ist für nahezu alle befragten deutschen Unternehmen inzwischen relevant für Geschäftsmodell und Wertschöpfung. Welche Folgen daraus für die Volkswirtschaft entstehen, bleibt jedoch in vielen Bereichen offen. Eine aktuelle Untersuchung betrachtet Produktivität, Beschäftigung, Wachstum, Klima und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Bei der Produktivität gelten Zuwächse als wahrscheinlich, ihre Höhe ist wegen fehlender Langzeitdaten aber unsicher. Kurzfristig könnten am Arbeitsmarkt beschäftigungserhöhende Effekte überwiegen, langfristig könnten Automatisierung und physical KI den Arbeitskräftebedarf senken. Auch bei Wachstum und Treibhausgasemissionen stehen positiven Effekten mögliche Belastungen gegenüber.
KI verändert unsere heimische Ökonomie schneller, als dies viele Unternehmen noch vor Kurzem erwartet haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zum Thema «Generative KI in der deutschen Wirtschaft». Demnach ist diese Künstliche Intelligenz, mit der sich völlig neue Inhalte wie Texte, Bilder, Musik und Videos erzeugen lassen, in den Unternehmen hierzulande schneller Realität geworden, als vielfach noch vor einem Jahr angenommen. In der Untersuchung bewerten 98 Prozent der Unternehmen KI inzwischen als relevant für ihr Geschäftsmodell und ihre künftige Wertschöpfung. Damit ist dieser Anteil innerhalb von zwei Jahren von 56 Prozent (2024) über 91 Prozent (2025) auf heute nahezu flächendeckende Zustimmung gestiegen, wie KPMG feststellt.
Bertelsmann-Studie untersucht makroökonomische Effekte von KI
Was bedeutet dieser «Durchmarsch» der Künstlichen Intelligenz nun für den sogenannten Zukunftsstandort Deutschland? Welche volkswirtschaftlichen Effekte hat KI darauf? Dieser Themenstellung hat sich die Bertelsmann Stiftung in einem neuen Focus Paper «Volkswirtschaftliche Effekte der KI» gewidmet. Darin geht es konkret um zentrale volkswirtschaftliche Zusammenhänge: Wie die Effekte von KI auf Produktivität und Beschäftigung, wie sich der Einsatz von KI auf das Wirtschaftswachstum auswirken kann und welche Zusammenhänge mit Treibhausgasemissionen und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit bestehen.
Eines macht die Studie schnell klar: Einfache Antworten gibt es nicht. So herrscht etwa über das konkrete Ausmaß der erwartbaren Produktivitätszuwächse in der Forschung keine Einigkeit, wie die Untersuchung der Bertelsmann Stiftung verdeutlicht. Als gesichert gilt hingegen, dass KI-Systeme Abläufe und Prozesse optimieren und dadurch Zeit und produktive Ressourcen einsparen. KI ist somit in erster Linie ein Instrument zur Steigerung der Produktivität.
Produktivitätszuwächse
Um die gesamtwirtschaftlichen Produktivitätseffekte jedoch statistisch belastbar abschätzen zu können, würden Daten benötigt, die lange Zeitreihen abdecken, erläutert Dr. Thieß Petersen von der Bertelsmann Stiftung. Er ist als Senior Advisor im Programm «Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft» auf makroökonomische Themen spezialisiert. Gerade für die modernsten KI-Anwendungen gebe es diese Daten jedoch nicht, weil die Nutzungsdauer dieser Anwendungen viel zu kurz sei, führt der Diplom-Volkswirt weiter aus. Daher seien Aussagen zu den zukünftigen Produktivitätspotenzialen der KI «stark annahmegetrieben». Und da die zahlreichen Prognosen zu den KI-induzierten gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwächsen mit sehr unterschiedlichen Annahmen arbeiten, resultiere daraus eine große Bandbreite von Schätzwerten, berichtet Studienautor Petersen.
Vor diesem Hintergrund herrsche über die erwartbare Höhe der Produktivitätszuwächse durch KI eine große Unsicherheit, heißt es in der Bertelsmann-Studie. Das gilt demnach insbesondere für die generative KI, die erst seit kurzer Zeit genutzt wird – erst recht jedoch für die agentische KI, die selbständig und proaktiv Aufgaben erledigen kann, und die physical KI, die die Fähigkeit hat, in der realen Welt zu operieren und mit ihr zu interagieren, anstatt nur in Software- oder digitalen Umgebungen zu existieren. Diese beiden Systeme der künstlichen Intelligenz werden bislang meist erst in Form von Pilotprojekten angewendet.
Bertelsmann-Experte Petersen geht davon aus, dass die mittleren Schätzungen, die von durchschnittlichen Produktivitätszuwächsen in Höhe von rund 0,5 bis 0,7 Prozentpunkten pro Jahr ausgehen, gegenwärtig die realistischste Erwartung darstellen. Eine kleine Anzahl von Szenarien prognostiziert demnach jährliche gesamtwirtschaftliche Produktivitätsgewinne von lediglich 0,1 Prozentpunkten in den nächsten zehn Jahren. Umgekehrt rechnen einige besonders optimistische Schätzungen mit jährlichen Produktivitätsgewinnen von bis zu 1,5 Prozentpunkten.
Gegensätzliche Arbeitsmarkteffekte
Zu den Arbeitsmarkteffekten von KI erklärt Petersen, dass der Einsatz von KI einerseits zum Abbau von Arbeitsplätzen führe, weil die KI menschliche Arbeitskräfte ersetzt. Dieser sogenannte Freisetzungseffekt wird in Diskussionen meist mit der Frage «Nehmen uns Computer die Arbeit weg?» thematisiert. Andererseits habe die KI aber auch beschäftigungserhöhende Auswirkungen, die sogenannten Kompensationseffekte, betont der Bertelsmann-Studienautor: Wie unter anderem KI-induzierte Produktivitätssteigerungen, die Güterpreise senken, was im Normalfall zu einer höheren Nachfrage nach diesen Produkten führt; oder Preissenkungen, die die Kaufkraft der Menschen steigern, was ebenfalls die Güternachfrage erhöht.
Zudem verbesserten KI-bedingte Preissenkungen die internationale Wettbewerbsfähigkeit der einheimischen Unternehmen, argumentiert Petersen. Diese könnten deshalb mehr Produkte im Ausland verkaufen, Exporte nehmen also zu. Daraus leitet der Verfasser der Untersuchung ab: Unternehmen passen sich an höhere Güternachfrage an, was in der Regel mit der Einstellung von zusätzlichen Beschäftigten verbunden ist.
Insgesamt sollen kurzfristig, d. h. in den nächsten fünf Jahren, in Deutschland die beschäftigungserhöhenden Effekte überwiegen, erwartet der Bertelsmann-Advisor. Langfristig, also nach zehn bis 15 Jahren, würden allerdings vor allem die beschäftigungssteigernden Investitionseffekte nachlassen und gleichzeitig die Freisetzungseffekte zunehmen, meint Petersen. Mit einem Rückgang des in der Volkswirtschaft benötigten Arbeitskräftebedarfs rechnet er insbesondere, wenn physical KI flächendeckend zum Einsatz kommt. Da diese Spielart der KI jedoch erst am Anfang ihrer Entwicklung stehe, lasse sich nicht absehen, in welchem Umfang sie zur Freisetzung von Arbeitskräften führe, schreibt der Experte. Für diese Personen soll es dann auch im restlichen Bereich der Volkswirtschaft keinen Bedarf mehr geben.
Langfristig weniger negative Klimaeffekte
Die Auswirkungen von KI auf den jährlichen Ausstoß an klimaschädlichen Treibhausgasen stuft der Autor der Bertelsmann-Studie ebenfalls als ambivalent ein. Auf der einen Seite verbrauchten KI-Anwendungen erhebliche Mengen an Energie und natürlichen Rohstoffen, was klimaschädliche Effekte habe, schreibt er. Andererseits könnten KI-Anwendungen spürbar dazu beitragen, den gesamtwirtschaftlichen Energie- und Rohstoffverbrauch zu reduzieren und somit klimaschützend wirken.
Kurzfristig sollen zunächst die negativen Klimaauswirkungen von KI überwiegen. Denn der Aufbau einer leistungsfähigen KI-Infrastruktur, der Betrieb von KI-Anwendungen und die Datenübertragung erfordern natürliche Ressourcen und Energie. Beides verursache derzeit Treibhausgasemissionen, stellt Petersen fest. Und da das Optimierungspotenzial der KI noch nicht vollständig ausgeschöpft ist, hält er das Potenzial für KI-getriebene Einsparungen bei Rohstoffen und Energie vorerst für begrenzt.
Mittel- und langfristig hingegen könnten die negativen Klimaauswirkungen von KI nach Einschätzung der Experten jedoch abnehmen. Zum einen, weil der Anteil erneuerbarer Energien am gesamten Energieverbrauch in den kommenden Jahren weiter steigen und dies die mit dem Energiebedarf von KI verbundenen Klimaauswirkungen verringern dürfte. Zum anderen werde sich die Leistungsfähigkeit von KI-Systemen voraussichtlich verbessern, argumentiert Petersen. Dadurch soll das Optimierungspotenzial von KI im Hinblick auf höhere Ressourcen- und Energieeffizienz, geringere Treibhausgasemissionen und eine geringere Umweltbelastung insgesamt zunehmen.
Wachstumseffekte von KI
Die Auswirkungen von KI auf die Wirtschaftsleistung eines Landes, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), schätzt die Bertelsmann-Studie ebenfalls als ungewiss ein. Weil einerseits ein KI-bedingter Produktivitätsanstieg Wachstum ankurbeln kann, da die Wirtschaft eine größere Menge an Gütern und Dienstleistungen produziert. Sollte andererseits KI jedoch zu einem Rückgang der Beschäftigung führen, würde dies mit einem Rückgang der Arbeitseinkommen einhergehen, so Petersen, mit der Folge, dass die Nachfrage nach Konsumgütern abnimmt.
Was die Wachstumseffekte von KI anbetrifft, ist demnach gleichfalls zwischen kurz- und langfristigen Effekten zu unterscheiden. Während die kurzfristigen Effekte eher wachstumssteigernd wirken dürften, sind die mittel- und langfristigen Effekte unklar, erklärt der Autor der Studie.
Wer zu spät kommt…
Außer Frage steht für ihn dagegen, dass die konkreten ökonomischen Auswirkungen von KI auf eine Volkswirtschaft entscheidend davon abhängen, wie schnell und umfangreich das Land die KI im Vergleich zum Rest der Welt einsetzt. In den USA und in China gebe es gegenwärtig umfangreiche industriepolitische Aktivitäten, mit denen die Regierungen die Entwicklung und den Einsatz von KI-Systemen fördern, stellt die Bertelsmann-Studie fest. Wenn Deutschland und die EU in diesem Wettrennen weiter zurückfallen sollten, würde das die internationale Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen gefährden, warnt Autor Petersen: Die Folgen wären Produktions-, Beschäftigungs- und Einkommensverluste.
