Heimliches Homeoffice trotz klarer Regeln

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Heimliches Homeoffice trotz klarer Regeln

Viele Schweizer Arbeitnehmende arbeiten häufiger im Homeoffice als offiziell erlaubt – oft mit stiller Zustimmung der Führungskräfte. Eine Umfrage zeigt: 30,4% erhalten informelle Zusagen für zusätzliche Heimarbeitstage, solange die Leistung stimmt. Trotz fester Regeln wird kaum kontrolliert. Die Unzufriedenheit ist hoch: Fast 60% sind mit den Homeoffice-Vorgaben unzufrieden. Arbeitnehmer umgehen Vorgaben mit privaten Terminen und entscheiden sich gleichzeitig bewusst für Präsenz, wenn sie daraus Vorteile ziehen. Das «Hushed Hybrid»-Modell offenbart die Kluft zwischen offiziellen Richtlinien und gelebter Praxis.

Während Arbeitnehmer sich Flexibilität bei ihrer Arbeit wünschen, machen Unternehmen momentan eher mit Ankündigungen, die Arbeit im Homeoffice einzuschränken, auf sich aufmerksam. Dadurch entstehen Spannungen am Arbeitsplatz, die Führungskräfte oft durch inoffizielle Absprachen (Hushed Hybrid) versuchen beizulegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage der Jobseite Indeed unter 500 Arbeitnehmern in der Schweiz, die mindestens einen Tag pro Woche im Homeoffice arbeiten.

Heimlich im Homeoffice, aber nach Absprache

Fast jedem dritten Arbeitnehmer (30,4 Prozent) werden demnach mehr Homeoffice-Tage von der Führungskraft zugestanden als offiziell erlaubt – vorausgesetzt die Leistung stimmt. Das unterstreicht die grosse Beliebtheit von ortsunabhängiger Arbeit, für die fast die Hälfte der Schweizer Arbeitnehmer (46,8 Prozent) sogar Lohneinbussen in Kauf nehmen würde. Die hohe Relevanz von Homeoffice wird auch dadurch bestätigt, dass 42,4 Prozent sich einen neuen Job suchen würden, sollte ihr Arbeitgeber die vollständige Rückkehr ins Büro verlangen.

In den meisten Unternehmen ist die Anzahl der erlaubten Homeoffice-Tage dabei klar geregelt: Insgesamt geben 81,4 Prozent der Befragten an, dass die Anzahl der Arbeitstage zu Hause eindeutig festgelegt ist. Die Regeln werden allerdings oft nicht überprüft: Bei 45,4 Prozent der Arbeitnehmer gibt es nur lockere Kontrollen. Nur in Unternehmen mit festen Bürotagen wird strenger kontrolliert, nämlich in drei Vierteln aller Fälle (75,6 Prozent). In der Praxis entsteht dadurch Spielraum – sowohl für eine flexible Auslegung zugunsten der Mitarbeitenden als auch für das Gegenteil. So geben 20 Prozent an, öfter von ihren Führungskräften ins Büro aufgeboten zu werden, als es die offiziellen Regelungen vorsehen – obwohl ihre Tätigkeit keine physische Präsenz erfordert. In Unternehmen mit strengen Anwesenheitskontrollen liegt dieser Anteil sogar bei 29,6 Prozent.

Arbeitnehmer sind unzufrieden mit Homeoffice-Regelungen und erschleichen sich zusätzliche Tage

Ob mit festen Regeln oder ohne Absprachen: Die grosse Mehrheit aller befragten Arbeitnehmer (59,8 Prozent) ist unzufrieden mit den aktuellen Regelungen; 29,2 Prozent davon sind sogar sehr unzufrieden. Arbeitnehmer, die frei über ihre Präsenz- und Homeofficetage entscheiden können, sind dabei am zufriedensten (46,9 Prozent).

Die allgemeine Unzufriedenheit könnte ein Grund dafür sein, dass einige Arbeitnehmer private Verpflichtungen gezielt so legen, dass sie zusätzliche Tage im Homeoffice verbringen können. Fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) gibt an, z. B. Arzt- oder Handwerkertermine bewusst auf Präsenztage zu legen, um nicht ins Büro kommen zu müssen.

Die Umfrage zeigt aber auch, dass es Arbeitnehmern nicht ausschliesslich um möglichst viel Distanz zum Unternehmen geht: 72 Prozent der Homeoffice-Arbeiter entscheiden sich gelegentlich bewusst für mehr Präsenz als nötig, wenn sie darin einen Mehrwert sehen. Dazu zählen vor allem Anlässe wie Beziehungspflege (31,2 Prozent), Zugang zu informellen Informationen (25,8 Prozent) und Wechsel der Arbeitsumgebung (20,6 Prozent). Themen wie Chancen auf Beförderung (10,2 Prozent) und Sichtbarkeit der eigenen Leistung (18,8 Prozent) sind hingegen am seltensten Gründe, mehr am Unternehmenssitz zu arbeiten.

Dr. Stefanie Bickert, Job- und Karriere-Expertin bei Indeed, kommentiert die Ergebnisse: «Die Umfrage zeigt klar: Selbst Beschäftigte, die offiziell im Homeoffice arbeiten dürfen, empfinden die bestehenden Regelungen oft als zu starr oder unflexibel. Die Folge ist eine stille Erosion der formellen Regeln durch informelle Absprachen mit Vorgesetzten oder die Terminierung von privaten Verpflichtungen auf Präsenztage.»

«Dieses sogenannte Hushed Hybrid ist längst gelebte Realität, auch in der Schweiz. Unternehmen, die versuchen, mit strengeren Anwesenheitsvorgaben zur Präsenz gegenzusteuern, laufen Gefahr, an der Lebenswirklichkeit ihrer Belegschaft vorbeizuplanen. Wer das Thema Remote Work nicht strategisch, sondern lediglich restriktiv behandelt, riskiert nicht nur Frust und Vertrauensverlust, sondern auch eine wachsende Kluft zwischen offizieller Richtlinie und gelebter Praxis. In der Personalrekrutierung bieten sich dadurch aber auch Chancen für Unternehmen. In Zeiten des Fachkräftemangels wird die Möglichkeit, flexibel im Homeoffice zu arbeiten – idealerweise transparent und nachvollziehbar geregelt – zu einem Wettbewerbsvorteil. Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Vertrauen schenken und flexible Modelle anbieten, ziehen nicht nur Bewerber an, sondern binden auch ihre aktuellen Mitarbeiter stärker an sich.»

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