Salesforce und Anthropic vertiefen ihre Zusammenarbeit mit «Claudeforce». Die Ankündigung fiel mit starken Quartalszahlen von Salesforce zusammen und sorgte an der Börse für erheblichen Rückenwind. Doch strategisch ist eine andere Entwicklung interessanter: Salesforce-Funktionen sollen künftig direkt aus Claude heraus genutzt werden können. Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage für Unternehmenssoftware: Was passiert mit dem klassischen CRM-System, wenn die KI zunehmend zur Benutzeroberfläche wird?
Für Marketing-, Vertriebs- und Serviceverantwortliche im DACH-Raum lohnt sich deshalb ein genauer Blick darauf, was «Claudeforce» tatsächlich verändert – und was nicht.
Die Zahlen hinter der Kursrallye
Am 26. August 2026 kündigten Salesforce und Anthropic gemeinsam «Claudeforce» an. Gleichzeitig legte Salesforce seine Ergebnisse für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2027 vor. Die Reaktion der Börse fiel deutlich aus: Die Salesforce-Aktie legte am darauffolgenden Handelstag um rund 22,6 Prozent zu und schloss bei 252,05 US-Dollar. Es war einer der stärksten Handelstage der Unternehmensgeschichte.
Dabei überzeugten nicht nur die klassischen Geschäftszahlen. Salesforce meldete für das zweie Quartal einen Umsatz von 11,35 Milliarden US-Dollar, elf Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders stark entwickelten sich die KI- und Datenangebote: Der jährlich wiederkehrende Umsatz von Agentforce und Data 360 erreichte zusammen fast 3,9 Milliarden US-Dollar und stieg damit um mehr als 210 Prozent. Agentforce allein kam auf mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar. Auch die Nutzung nimmt zu. Im zweiten Quartal wurden laut Salesforce 3,2 Milliarden sogenannte «Agentic Work Units» über Agentforce und Slack ausgeführt – 97 Prozent mehr als im Vorquartal.
Die Zahlen zeigen, dass KI für Salesforce zunehmend von einem Zukunftsversprechen zu einem relevanten Bestandteil des Geschäftsmodells wird.
Was hinter Claudeforce steckt
Der Name «Claudeforce» klingt zunächst nach einem neuen Einzelprodukt. Tatsächlich beschreibt er eine deutlich breitere strategische Partnerschaft zwischen Salesforce und Anthropic.
Ein Teil davon ist naheliegend: Claude wird tiefer in die Salesforce-Plattform eingebunden. Das Modell kommt bereits in verschiedenen Salesforce-Angeboten zum Einsatz und soll künftig noch stärker für KI-gestützte Arbeitsabläufe genutzt werden. Salesforce hebt dabei besonders die technische Kontrolle hervor. Claude ist nach Angaben des Unternehmens der erste Anbieter eines Large Language Models, der vollständig in die sogenannte Salesforce Trust Boundary integriert wurde. Der LLM-Datenverkehr soll dadurch innerhalb der von Salesforce kontrollierten Infrastruktur bleiben. Zudem sollen bestehende Berechtigungen, Geschäftsregeln und Governance-Vorgaben weiterhin greifen.
Strategisch interessanter ist jedoch die Gegenrichtung: Salesforce wird direkt aus Claude heraus zugänglich. Zum Start umfasst «Salesforce in Claude» ein Plugin mit 37 vorgefertigten Vertriebsfunktionen. Dazu gehören beispielsweise die Vorbereitung von Kundengesprächen, die Bewertung des Zustands von Deals oder die Analyse einer Vertriebspipeline. Vertriebsmitarbeitende sollen solche Aufgaben künftig direkt in Claude erledigen können, ohne sich für jeden Arbeitsschritt durch die klassische Salesforce-Oberfläche bewegen zu müssen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Salesforce selbst zur Nebensache wird. Daten, Berechtigungen, Workflows und Geschäftslogik verbleiben weiterhin auf der Salesforce-Seite. Claude bildet vielmehr einen zusätzlichen Zugang, über den Salesforce-Daten und -Funktionen genutzt werden können.
Genau darin liegt die strategische Bedeutung von Claudeforce: Die Benutzeroberfläche einer Unternehmenssoftware und die darunterliegende Plattform beginnen sich voneinander zu lösen.
Vom CRM-System zur Infrastruktur im Hintergrund
Technisch ermöglicht wird diese Entwicklung unter anderem durch «AIforce». Salesforce stellt darüber Daten und Geschäftsprozesse über MCP-Server, APIs und weitere Schnittstellen für KI-Agenten bereit. Das verändert die Rolle klassischer Business-Software. Bisher mussten Anwender eine Anwendung öffnen, durch Menüs navigieren, Datensätze suchen und einzelne Aktionen ausführen. In einem stärker KI-geprägten Modell formuliert der Nutzer dagegen sein Ziel – und die KI greift im Hintergrund auf die benötigten Systeme und Funktionen zu.
Damit zeichnet sich eine Entwicklung ab, bei der KI zunehmend zur Benutzeroberfläche für Unternehmenssoftware wird. Salesforce beschreibt selbst eine Entwicklung, bei der die Plattform zunehmend unabhängig von einer einzelnen Benutzeroberfläche genutzt werden kann. Mit Headless 360 können Daten, Anwendungen, Workflows, Agenten und die dazugehörige Governance von KI-Systemen direkt über MCP angesprochen werden – ohne dass dafür zwingend die klassische Salesforce-Oberfläche benötigt wird.
Damit könnte sich auch die Bedeutung des CRM-Systems verändern. Salesforce verliert dadurch aber nicht zwangsläufig an Relevanz. Die Plattform könnte sogar wichtiger werden – allerdings weniger als sichtbare Benutzeroberfläche und stärker als Daten-, Prozess- und Governance-Schicht hinter verschiedenen KI-Assistenten.
Was Analysten darin sehen
Forrester bezeichnet Claudeforce als «The AI Interface Salesforce Never Built» und sieht darin einen möglichen Hinweis darauf, wie sich die Benutzeroberflächen von Unternehmenssoftware entwickeln könnten. Der zentrale Gedanke: Vertriebsmitarbeitende müssen nicht mehr zwingend mit den fest definierten Masken und Workflows einer CRM-Anwendung arbeiten. Stattdessen können sie über Claude auf Daten und Funktionen zugreifen, während Salesforce im Hintergrund weiterhin Sicherheitsregeln, Berechtigungen und Prozesse durchsetzt. Forrester beurteilt die Entwicklung grundsätzlich positiv, empfiehlt Unternehmen aber ein differenziertes Vorgehen. Besonders regulierte Unternehmen sollten Governance- und Compliance-Fragen sorgfältig prüfen. Für Marketing, Kundenservice und E-Commerce stehen viele der angekündigten Funktionen zudem noch am Anfang.
Das passt auch zum derzeitigen Produktstatus: Salesforce in Claude ist zunächst für ausgewählte Pilotkunden verfügbar. Eine offene Beta soll im September 2026 starten. Weitere vorgefertigte Funktionen sind für später im Jahr angekündigt.
Auch die allgemeine Entwicklung rund um KI-Agenten spricht gegen vorschnelle Euphorie. Gartner prognostiziert, dass bis Ende 2027 mehr als 40 Prozent der Agentic-AI-Projekte eingestellt werden könnten. Als Gründe nennt das Analystenhaus unter anderem steigende Kosten, unklaren Geschäftsnutzen und unzureichende Risikokontrollen.
Die Technologie allein entscheidet damit noch nicht über den Erfolg.
Was bedeutet das für Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz?
Für Unternehmen im DACH-Raum ergeben sich aus Claudeforce vor allem drei Fragen.
- Welche Daten dürfen von welchem KI-System verarbeitet werden?
Salesforce betont die eigenen Sicherheits-, Berechtigungs- und Governance-Mechanismen sowie die Integration von Claude in die Salesforce Trust Boundary. Für Unternehmen mit sensiblen Kundeninformationen reicht diese technische Zusicherung allein jedoch nicht aus. Gerade Banken, Versicherungen, Gesundheitsunternehmen oder andere regulierte Organisationen müssen prüfen, welche Daten verarbeitet werden, welche Unternehmen daran beteiligt sind, welche Verträge gelten und welche rechtlichen Rahmenbedingungen für internationale Datenverarbeitung relevant sind. Dabei spielt auch die Abhängigkeit von US-amerikanischen Technologieanbietern eine Rolle. Vorschriften wie der US CLOUD Act gehören deshalb in eine rechtliche und technische Risikobewertung. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass US-Behörden jederzeit Zugriff auf in Europa oder der Schweiz gespeicherte Unternehmensdaten erhalten. Entscheidend sind die konkrete Konstellation, die betroffenen Daten, die Anbieterstruktur sowie die vorhandenen technischen und vertraglichen Schutzmassnahmen. - Was kostet die neue Arbeitsweise tatsächlich?
Für Claudeforce fehlen derzeit noch belastbare Erfahrungswerte aus dem breiten produktiven Einsatz. Unternehmen sollten deshalb nicht nur mögliche Lizenz- oder Nutzungskosten betrachten, sondern die Gesamtkosten eines Anwendungsfalls: Implementierung, Integration, Governance, Qualitätssicherung und laufende Kontrolle. Gerade weil unterschiedliche Lizenz- und verbrauchsabhängige Modelle von Salesforce und Anthropic zusammenspielen können, dürfte ein begrenzter Pilot mit klar messbarem Geschäftsnutzen sinnvoller sein als eine grossflächige Einführung aufgrund der aktuellen Aufmerksamkeit rund um das Thema. - Wo entsteht tatsächlich ein Vorteil für den Kunden?
Eine schnellere Pipeline-Analyse oder eine automatisch aktualisierte Verkaufschance ist für Vertriebsteams zweifellos hilfreich. Für Marketing und Kundenservice wird jedoch entscheidend sein, ob die Technologie nicht nur interne Prozesse beschleunigt, sondern auch das Kundenerlebnis verbessert.Mehr Automatisierung ist nicht automatisch bessere Customer Experience.
Entscheidend wird sein, ob Mitarbeitende schneller die richtigen Informationen erhalten, Kundenanliegen besser verstehen und Probleme effizienter lösen können.
Die eigentliche Veränderung findet an der Oberfläche statt
Die vielleicht interessanteste Entwicklung hinter Claudeforce betrifft deshalb nicht Claude oder Salesforce allein. Sie betrifft die Art, wie Menschen Unternehmenssoftware benutzen. Wenn Mitarbeitende künftig sagen können: «Zeige mir alle gefährdeten Deals dieses Quartals und schlage die nächsten Schritte vor», wird es zunehmend nebensächlich, in welcher Maske oder welchem Menü sich die zugrunde liegenden Informationen befinden.
Das CRM-System verschwindet dadurch nicht. Aber es könnte aus dem Blickfeld des Anwenders verschwinden. Damit verschiebt sich auch der Wettbewerb unter Softwareanbietern. Nicht mehr allein die beste Benutzeroberfläche entscheidet über die Attraktivität eines Systems. Wichtiger könnten die Qualität der Daten, die verfügbaren Schnittstellen, zuverlässige Geschäftsprozesse, Berechtigungen und Governance werden.
Noch Pilotprojekt statt neuer Standard
Claudeforce setzt einen interessanten Referenzpunkt dafür, wie eng KI-Assistenten und Unternehmenssoftware künftig zusammenspielen könnten. Die Technologie zeigt, dass ein CRM-System nicht mehr zwangsläufig der Ort sein muss, an dem die eigentliche Arbeit stattfindet.
Gleichzeitig befindet sich das Angebot noch am Anfang. Salesforce in Claude steht bislang ausgewählten Pilotkunden zur Verfügung, die offene Beta ist für September 2026 angekündigt. Aussagen über Produktivität, Kosten oder den langfristigen Nutzen für Unternehmen müssen sich daher erst im praktischen Einsatz bestätigen.
Für Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz dürfte deshalb ein pragmatischer Ansatz sinnvoll sein: konkrete Anwendungsfälle identifizieren, Datenschutz und Governance frühzeitig einbeziehen, den wirtschaftlichen Nutzen messen und zunächst im kleinen Rahmen testen.
Die entscheidende Frage ist dabei weniger, ob Claude künftig Salesforce ersetzt. Spannender ist eine andere: Wie wichtig ist die klassische CRM-Oberfläche noch, wenn die KI zum zentralen Zugang zu Kundendaten und Geschäftsprozessen wird?
Stephan Isenschmid
Stephan Isenschmid war von 1990 bis 2012 IT-Unternehmer und seit 2013 ist er unter anderem Inhaber und Geschäftsführer der Swiss CRM Institute AG (heute cmm360 AG), welche das Swiss Customer Relations Forum, den Swiss Customer Relations Award, das Swiss Customer Service Summit, den Swiss CRM Business Club und das Swiss CRM Experten Forum veranstaltet und seit 2022 auch Herausgeberin des Newsportals cmm360.ch ist.
