Wie Finnland die Ära der kabellosen KI einläutet

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Während vielerorts der Fokus auf dem Ausbau von 5G liegt, stellt Finnland bereits die Weichen für die nächste Generation der Mobilkommunikation (6G) im kommenden Jahrzehnt. 2018 startete Finnland das weltweit erste nationale 6G-Forschungsprogramm «6G Flagship». Dieser Vorsprung ermöglicht Finnland heute eine global einzigartige Position: Es bietet eine lückenlose End-to-End-Kompetenz von der Entwicklung spezialisierter Chips über die Netzwerkinfrastruktur und Cybersicherheit bis hin zu industriellen Lösungen. Die Technologie verspricht weit mehr als nur schnellere Datentransfers: Ziel ist es, neuartige radarähnliche Funktionen bereitzustellen und damit Systemen die Erkennung und Wahrnehmung von Objekten und ihrer Umgebung zu ermöglichen. Finnland setzt dabei auf Offenheit und Kooperationsbereitschaft. Das Land bietet deutschen Unternehmen ideale Bedingungen für geschäftliche und wissenschaftliche Kooperationen im Technologiebereich sowohl in einem frühen Stadium als auch darüber hinaus.

Während 5G das Zeitalter der vernetzten Maschinen einläutete, geht die nächste Generation noch einen entscheidenden Schritt weiter: KI wird Teil der DNA des Netzwerks. So entsteht ein hochintelligentes Ökosystem, in dem Milliarden von Geräten und KI-Agenten in Echtzeit interagieren und orchestriert werden. «Ich beschreibe 6G oft mit einem Begriff: vernetzte Intelligenz. Es ist die Kombination aus drahtloser Technologie und künstlicher Intelligenz», erklärt Pekka Rantala, Head of 6G Bridge Program bei Business Finland. «Meiner Meinung nach wird 6G der mit Abstand größte Einsatz von KI in der Geschichte der Menschheit sein, da es alle Aspekte unserer digitalen Infrastruktur umfasst – von Satelliten und Rechenzentren über den Edge-Bereich bis hin zum einzelnen Sensor oder Chip.»

Diese Technologie ermöglicht Anwendungen, die heute noch wie Science-Fiction klingen: Netzwerke erhalten sensorische Fähigkeiten (Sensing). Sie lernen, ihre Umgebung umfassend wahrzunehmen – etwa um Formen, Größen und Geschwindigkeiten von Objekten zu erkennen und so beispielsweise Drohnen zu orten und autonome Fahrzeuge sicherer durch komplexe Situationen zu führen. «Unternehmen ermöglicht 6G eine Automatisierung auf einem völlig neuen Level», betont Rantala. In Fabriken, Städten und in der Logistik bildet es die technologische Grundlage für eine optimierte und zuverlässigere Kommunikation. Dabei geht es nicht nur um Effizienz, sondern auch um die sichere Steuerung autonomer Systeme, wodurch völlig neue Geschäftsmodelle und Anwendungsmöglichkeiten entstehen. So ermöglicht 6G beispielsweise die sichere Steuerung autonomer Systeme, etwa in sogenannten «Lights-out»-Fabriken.

Sicherheit und Vertrauen als Währung

Für deutsche Unternehmen, insbesondere den Mittelstand und die Industrie, spielt die Sicherheit kritischer Infrastrukturen eine übergeordnete Rolle. Finnland setzt hier auf einen «Security-by-Design»-Ansatz, der Sicherheit als zentrales Prinzip bereits in der frühen Planungs- und Entwurfsphase von IT-Systemen und Software integriert, um Bedrohungen proaktiv zu minimieren und reaktive Maßnahmen zu vermeiden. Der Standort punktet mit transparenter Technologieentwicklung und verlässlichen Partnerschaften innerhalb des europäischen Rechtsrahmens. «Wir wollen die Zukunft gemeinsam mit unseren Partnern formen», betont Rantala. Dafür sei jetzt der ideale Zeitpunkt, da mit dem Abschluss der ersten großen Forschungsphase die globale Standardisierung begonnen hat. «Für deutsche Unternehmen ist dies eine seltene Chance: Wer sich jetzt engagiert, kann sein zukünftiges Business aktiv mitgestalten, anstatt später nur auf vorgegebene Standards zu reagieren», sagt Rantala.

Ideales Testfeld für die deutsche Industrie

Ein entscheidender Standortvorteil Finnlands ist der Pragmatismus der Behörden. Während Frequenzvergaben für Testzwecke in anderen Ländern oft bürokratische Hürden darstellen, vergibt Finnland Radio-Testlizenzen für Forschung und Entwicklung extrem schnell und unkompliziert – manchmal innerhalb weniger Tage. Dies ermöglicht es Unternehmen, reale Szenarien – beispielsweise in der Prozessindustrie oder Logistik – zu testen, indem sie die umfangreiche finnische 6G-Testinfrastruktur nutzen.

Darüber hinaus adressiert die finnische 6G-Entwicklung eine der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit: Nachhaltigkeit Energieeffizienz. Trotz eines erwarteten explosionsartigen Anstiegs des Datenverkehrs wird der neue Standard mindestens 20-mal energieeffizienter sein als 5G – ein entscheidender Faktor für die Telekommunikationsbetreiber. Gleichzeitig wird die Zahl der vernetzten Geräte, darunter Maschinen und Sensoren, auf bis zu 10 Millionen pro Quadratkilometer steigen, wobei viele von ihnen effiziente Netzwerke benötigen, die geringe Datenmengen bewältigen können.

Ein Ökosystem der offenen Türen

Das finnische 6G-Ökosystem besteht nicht nur aus großen Systemintegratoren, sondern umfasst hunderte spezialisierte KMUs und Startups sowie führende Forschungseinrichtungen wie unter anderem das VTT Technical Research Centre of Finland, die Aalto-Universität und die Universität Oulu. Diese Konzentration von Fachwissen gepaart mit einer flachen Hierarchie und einem hohen Maß an Kooperation und Vertrauen, macht Finnland zum idealen Partner für deutsche Akteure aus Forschung und Wirtschaft, um gemeinsam die nächste Welle der digitalen Transformation widerstandsfähiger Industrien und Gesellschaften anzuführen.

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