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Die Blockchain erobert die Welt der Prozesse

Stefan Kosarnig - 2. Dezember 2019

Katja Tietze, Blockchain-Expertin bei T-Systems Multimedia Solutions, verrät im Interview mit cmm360, wie Blockchain die bereichsübergreifenden Prozesse beschleunigt. Vom Lebensmittelhandel bis hin zur Steuerabrechnung: Die Blockchain-Technologie ermöglicht eine neue Art der Zusammenarbeit in der Welt der Prozesse. 

Frau Tietze, was macht die Blockchain und was ist so besonders an dieser Technologie?

Katja Tietze: Stellen Sie es sich vor wie ein Kontobuch, worin alle Transaktionen minutiös und chronologisch dokumentiert sind. Die Blockchain zeigt nachvollziehbar auf, wer wann was innerhalb eines Prozesses gemacht hat. Alle Daten sind dezentral bei allen teilnehmenden Partnern gespeichert und miteinander verkettet. Das ist auch das Neue an Blockchain, sie gehört nicht einem Betreiber allein, sondern mehrere Parteien replizieren in Abstimmung mit einander alle eingetragenen Daten eins-zu-eins.

Die Blockchain ist durch den digitalen Geldtransfer, bzw. Bitcoin, bekannt geworden, weil sie die hochsensiblen Daten vor Manipulation und nicht-autorisierten Zugriffen schützt. Man kann zwar Änderungen als neue Transaktion hinzufügen, aber keine vergangenen Transaktionen löschen oder verändern. Und das Besondere bei neuen Transaktionen ist, dass sie niemand alleine vornehmen kann. Jede Transaktion wird von den Teilnehmern geprüft und zugesagt oder abgelehnt – es braucht einen mehrheitlichen Konsens für die Freigabe. Das ist auch der Grund, warum jetzt die Blockchain-Technologie in vielen weiteren Bereichen zum Einsatz kommt: sie schafft Nachvollziehbarkeit und Transparenz. 

Die Blockchain macht also Prozesse transparent, schützt die Daten vor Manipulation und unerlaubtem Zugriff. In welchen Bereichen ist die Blockchain von Nutzen? 

Überall, wo verschiedene Partner zusammenarbeiten und es ein besonderes Vertrauen braucht in der Zusammenarbeit. Vor allem, wenn jemand die Echtheit nachweisen oder sensible Informationen teilen möchte innerhalb eines Prozesses. Im Bereich der Luxusgüter bezeugt die Blockchain beispielsweise, ob die Rolex-Uhr echt ist, wer die einzelnen Teile produziert und wer sie wann zusammengesetzt hat, wohin sie ausgeliefert wurde und welchen Weg sie genommen hat, bis sie schließlich am Handgelenk des Käufers landet. Oder auch im Bereich der Lebensmittel: Hat der Lieferant die Kühlkette eingehalten? Ist das wirklich Fairtrade-Kaffee? Heute habe ich keine manipulationssicheren Belege, ob mein Partner die Vorgaben und Vereinbarungen tatsächlich eingehalten hat.

Oder stellen Sie sich vor, eine Mangolieferung ist verdorben – diese Lieferung ist leider bereits verarbeitet und in verschiedensten Produkten enthalten, vom Jogurt bis zum Dörrfrüchte-Mix. Mit der Blockchain wird nachvollziehbar, in welchen Produkten sich diese Mangos befinden und in welchem Regal welchen Supermarkts die Produkte in diesem Moment stehen, sodass Rückrufaktionen effizient und sicher umgesetzt werden können. Das wird gerade in den USA getestet, wo IBM mit den grossen Produzenten ein Blockchain-Projekt aufgesetzt hat.

Auch im B2B-Bereich kristallisieren sich je länger je mehr Vorzüge heraus, wie zum Beispiel im Supply-Chain-Management. Die Maschine von meinem Produzenten fällt aus und er kann meine Lieferung für die Weiterverarbeitung nicht pünktlich liefern. Weil die Maschine mit einer IoT-Komponente an die Blockchain angeschlossen ist, werden auch diese Transaktionen an die Blockchain übermittelt. So erfahre ich sofort von der Verzögerung und ich kann mich darauf einstellen. Die gewonnene Zeit ist ungemein wertvoll, sie gibt mir mehr Spielraum.

Interessant, was die Blockchain alles ermöglicht! Diese Transparenz ist nützlich, aber sehen die Partner und Kunden dann meine Informationen? 

Was ich als Kunde oder Partner sehe, ist unter anderem abhängig von der Art der Blockchain. Die «Permissioned» Blockchain ist für viele Geschäftsanwendungen eine attraktive Form. Bei ihr sind alle Teilnehmer bekannt, anders als bei den auf Anonymität ausgelegten «public» Blockchains. Dies ermöglicht spezifische Rollenmodelle und Zugriffsrechte für die Teilnehmer. Zusätzlich zu den Zugriffsrechten können die Daten verschlüsselt werden. In diesem Fall kann ich die Daten von meinem Partner sehen, aber nicht interpretieren und folglich auch nichts mit ihnen anfangen. Und natürlich wird bei der Anwendungsarchitektur auch immer konzipiert, welche Daten selbst überhaupt in die Blockchain gelegt oder ob sie ggfs. nur durch diese vor Manipulation gesichert werden, während die Datenhaltung selbst in einzeln abgesicherten Datenbanken erfolgt.

Der Gestaltungsspielraum für Blockchains ist groß. An erster Stelle steht immer der Anwendungsfall der involvierten Parteien. Sie definieren, mit wem sie über die Blockchain zusammenarbeiten, für welchen Zweck sie Daten teilen, ob sie alles sehen oder ihre Sicht begrenzt ist. Je nachdem könnte ich auch nur Datenbewegungen speichern, nicht aber die Daten selbst. Aus diesen Vorgaben leiten wir dann die Art, die Architektur und die Logik der Blockchain ab. 

Ist es aufwendig, eine «Permissioned» Blockchain aufzusetzen?

Man kann eine Blockchain in überschaubarer Zeit ins Leben rufen, wenn man mit einer einfachen Logik und simplen Smart Contracts startet. In dieser Fragestellung unterscheidet sich die Blockchain nicht von der üblichen Software-Entwicklung. Mehr Prozessschritte und Abhängigkeiten zu anderen Systemen oder Datenquellen führen zu einem anspruchsvolleren Code. Je komplexer das Problem, umso komplexer ist die Lösung. 

Die Blockchain scheint ein technologisches Wundermittel zu sein. Ist sie das?

Sie ist ein essenzieller Teil der ganzen Entwicklung, aber selten die alleinige Lösung für ein Problem. Ich kann sehr vieles auch ohne Blockchain erreichen, sie ist aber an vielen Stellen besser und ökonomischer, macht Dinge leichter, schneller und besser umsetzbar. Möchte ich in einem bereichsübergreifenden Prozess volle Transparenz und diese Daten geschützt wissen, bietet Blockchain die geforderte Vertrauensbasis. Diese Vertrauensbasis ist der Grundstein für tiefere Kooperationen und automatisierte, bereichsübergreifende Prozesse. Sie ermöglicht also eine neue Art der Zusammenarbeit in der Welt der Prozesse. 

Welchen Mehrwert hat der Endkunde von der Blockchain?

Der Kunde hat einen direkten Nutzen durch den Echtheitsnachweis, wie die Beispiele mit der Rolex oder dem Fairtrade-Kaffee gezeigt haben. Die Blockchain belegt die digitale Information und schafft so auch seitens Endkunden Sicherheit und eine wichtige Vertrauensbasis. Andererseits hat der Kunde einen indirekten Nutzen durch den besseren Prozessfluss zwischen den Partnern. Ein Produkt oder ein Service kann dadurch günstiger, hochwertiger oder schneller verfügbar werden.

Woher weiss ich, dass mein physisches Produkt tatsächlich zur digitalen Geschichte gehört, die auf der Blockchain gespeichert ist?

Es braucht ein eindeutiges physisches Merkmal, das die Brücke zwischen der physischen und digitalen Welt schlägt. Schon heute haben einige Produkte ein solches Merkmal, beispielsweise in der Form einer Identifikationsnummer, eines RFID-Chips, eines Strich- oder QR-Codes. Bei gewissen Produkten ist es heute noch nicht möglich, ein solches physisches Merkmal direkt auf dem Produkt anzubringen. Bei diesen Produkten genügt es vielleicht auch, es anhand der Kiste zu identifizieren, in welcher sich dieses Produkt zuvor befand. Hier stellt sich die Frage nach dem konkreten Einsatzszenario, denn es gibt bereits verschiedene Ansätze. Letzten Endes ist es eine Frage der Zeit, bis es auch dafür neue Lösungen gibt. Kleine Schritte führen zum Ziel.

Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich in Bezug auf die Blockchain?

Die Schweiz ist wahrscheinlich eine der führenden Nationen in Europa, wenn man die Anzahl an Unternehmen betrachtet. Gerade im Kanton Zug gibt es eine breite Menge an Start-ups mit interessanten Blockchain-Aktivitäten. In der Stadt Zug läuft das Pilotprojekt für die digitale ID, wobei die Bewohner ihre Daten in der Blockchain verwalten und weitere öffentliche Dienstleistungen nutzen können. Ausserdem arbeitet auch die SBB an verschiedenen Ideen, wie man mit der Blockchain-Technologie die Erfahrung der Passagiere verbessern kann.

Woran arbeiten Sie mit T-Systems aktuell im Bereich der Blockchain?

Wir automatisieren beispielsweise die Steuerabrechnungen im Zusammenhang mit dem Versand und dem Empfang von Lieferungen. Vor zwei Jahren konnten wir die DATEV eG für die Blockchain begeistern – das sogenannte BIZZBLOXX-Forschungsprojekt ist seitdem stark gewachsen und heute beteiligen sich auch die Otto Group und der Logistikdienstleister Hermes daran. Für den Anfang arbeiten wir am klassischen Lieferprozess, dann erweitern wir das auf alle relevanten Geschäftstransaktionen und decken beispielsweise die Logistik und die Steuerabrechnung ab. An diesem Anwendungsfall können unzählige Partner teilnehmen: Lieferanten, Geschäftskunden, Versicherungen oder schlussendlich auch das Finanzamt. Die Blockchain löst also das Gartendenken auf und bringt alle an denselben Tisch, um die Prozesse gemeinsam auf das nächste Level zu bringen.

Was empfehlen Sie Unternehmen, wie sie mit dem Thema Blockchain umgehen sollten?

Wir rechnen damit, dass sich die Blockchain zu einer grundlegenden Technologie entwickelt. Darum sollte man sich schon jetzt damit auseinandersetzen, ein Gefühl dafür entwickeln und die Prinzipien der Technologie kennenlernen. Das Unternehmen, das in seinem Ökosystem die Gunst der Stunde nutzt und die ersten Gehversuche mit der Blockchain macht, profitiert vom Erfahrungsschatz. Auch wenn man später auf eine andere Blockchain wechseln oder die eigene anpassen muss, sind das in der Regel geringfügige Änderungen im eigenen Prozess.

Interview Katja Tietze T-Systems Blockchain erobert Prozesswelt_q

Katja Tietze, Blockchain Consultant bei T-Systems Multimedia Solutions GmbH

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